Finde niemals zu dir selbst

Mine macht schlauere Popmusik als die meisten ihrer Kolleginnen – weil sie zu ihren Fehlern steht.

kulturnews: Mine, es ist oft vom schwierigen zweiten Album die Rede. Dabei werden doch Unsicherheiten und Schönheitsfehler beim zweiten Mal noch verziehen, während bei der dritten Platte erwartet wird, dass wirklich alles sitzt. Richtig?

Mine: Ach, wenn ich ein neues Album veröffentliche, sind die Tracks fürs nächste eigentlich immer schon geschrieben, sodass der Songwriting-Druck wegfällt. Trotzdem habe ich vor jedem Album Schiss, nichts mehr schreiben zu können, was mir genauso gut gefällt wie das letzte. Es geht mir also gar nicht so sehr darum, wie andere Leute das finden – mir ist es wichtiger, meinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Diesmal hatte ich ein bisschen mehr Angst als beim zweiten Album, weil es länger gedauert hat, bis ich alle Songs beisammen hatte. Aber so zufrieden war ich tatsächlich noch nie.

kulturnews: Also zweifelst du eher vorher, aber in der Regel nicht am fertigen Werk?

Mine: Ja. Wichtig ist für mich, dass ich das Album auch gerne selber hören würde, wenn es nicht von mir wäre. Ich würde nie etwas rausbringen, das ich selbst nicht gut finde. Aber es gab durchaus Konzerte, bei denen ich bedrückt von der Bühne gegangen bin, und ich kann nicht besonders gut damit umgehen, wenn ich mit etwas nicht zufrieden bin. Dann nützt es mir auch nichts, wenn es alle anderen geil finden – umgekehrt ist es mir aber auch egal, negative Kommentare zu Dingen zu lesen, von denen ich überzeugt bin.

kulturnews: Wann warst du zuletzt mit dir unzufrieden?

Mine: Das letzte Orchesterkonzert im Berliner Huxley’s zum Beispiel hängt mir bis heute nach. Ich hatte, wie eigentlich immer, ziemliches Lampenfieber. Meistens bekomme ich das irgendwann unter Kontrolle, aber an diesem Abend hatte ich die ganze Zeit furchtbare Angst, dass etwas schiefgeht. Meine Ansagen waren verkrampft, es war insgesamt kein gutes Erlebnis. Das ist echt traurig, weil ich ein Jahr lang darauf hingearbeitet hatte – und die Generalprobe der Hammer war.

kulturnews: Die Sprache deiner Texte ist eher offen und bildhaft, aber du legst mindestens zwei thematische Spuren aus: Es geht viel um äußere und innere Veränderungsprozesse, mit denen der Versuch einhergeht, sich selbst besser zu verstehen.

Mine: Ich denke sehr viel über mein eigenes Handeln nach, was es auslöst und was es für Konsequenzen hat, und ich finde es auch wichtig, dass man das tut. Ich versuche immer, so objektiv wie möglich auf die Dinge zu schauen. Dafür muss man ehrlich mit sich selbst sein und akzeptieren, dass wir uns alle ständig verändern.

kulturnews: Darauf nimmt auch der Albumtitel „Klebstoff“ Bezug.

Mine: Genau. Man ist ja nicht einfach so, wie man ist, sondern die Summe aus all dem, was man gesehen, gehört, gefühlt und erlebt hat. Ich finde das Wort Klebstoff sehr stark, und für mich bedeutet es in diesem Zusammenhang, dass all die Begegnungen, die man hat, an einem haften bleiben, und sich daraus dann ein Charakter entwickelt – der natürlich nie abgeschlossen ist.

kulturnews: Der Song „S/W“ wiederum handelt davon, wie relativ Selbstwahrnehmung ist, wie sehr sie vom jeweiligen Gegenüber abhängt.

Mine: Auch damit beschäftige ich mich viel, als Mensch und als Künstlerin. Manchmal würde ich das auch gerne ändern. An einem Tag ist man stolz auf sich und fühlt sich wohl, am nächsten findet man sich scheiße und denkt, dass alle anderen sowieso viel besser seien. Es kommt immer darauf an, mit was und wem man sich vergleicht; bei mir geht das leider nicht selten ins Extreme, ich hätte da lieber so ein Mittelmaß.

kulturnews: Hast du deshalb im Video zu „Klebstoff“ ein Plakat vor dir stehen, auf dem „Ich bin nicht mein bestes Ich“ steht, während Passanten ihre Namen auf dich schreiben? Und ist es überhaupt erstrebenswert, sein bestes Ich zu sein?

Mine: Es geht dabei gar nicht so sehr darum, ob man das sein will, sondern erst mal um das Eingeständnis. Ich wollte einen Rahmen schaffen, der es den Menschen ermöglicht, sich zu outen und darüber ins Gespräch zu kommen. Ich fänd’s einfach schön, wenn es mehr heißen würde: Ja, ich mache Fehler, ich versuche, es beim nächsten Mal besser zu machen – aber vielleicht passiert’s trotzdem wieder. Meistens reden Leute auch erst über ihre Unzulänglichkeiten, wenn sie das Gefühl haben, davon befreit zu sein.

kulturnews: Das ist ja ein Narrativ, dass sowohl im Kino als auch in der Popmusik beliebt ist: die Läuterung. Man fängt irgendwo an, verbessert sich dann aber …

Mine: … und kann am Ende sagen: „Früher hab’ ich auf der Straße geschlafen, aber heute trag ich ne Rolex!“ Aber so läuft es im Leben eher selten.

Mine • Album

Künstler: Mine
Titel: Klebstoff
Label: Caroline
VÖ: 12.04.2019

Mine • Listening

Mine kündigt mit Video zum Titelsong ihr neues Album „Klebstoff“ an

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