Zurück zum Wumms

Modeselektor in der Identitätskrise: Wie sollen sie nur das so erfolgreiche Moderat-Projekt abschütteln?

„Wir hatten eigentlich gehofft, nicht mehr so viel über Moderat reden zu müssen“, jammert ein ziemlich erschossener Gernot Bronsert am Ende eines langen Interviewtags ins Telefon. „Moderat war ja zu keiner Zeit als unser Hauptanliegen gedacht, aber irgendwie ist es quasi von allein dazu geworden“, sagt er über das gemeinsame Projekt mit Apparat alias Sascha Ring, mit dem Bronsert und sein Modeselektor-Kollege Sebastian Szary zuletzt vier Jahre am Stück beschäftigt waren und hintereinander zwei extrem erfolgreiche Alben veröffentlicht haben. „Eine Moderat-Platte kann man vielleicht mit einem Roman vergleichen, der eine komplexe Familiengeschichte ins Zentrum rückt, während wir als Modeselektor eher Comics für Erwachsene veröffentlichen, die griffiger und direkter sind“, grenzt er das mehr an konventionellen Songstrukturen orientierte und von Sascha Rings Gesang geprägte Dreiergespann von der kompromisslosen Clubmusik ab, die Bronsert und Szary als Modeselektor nun schon seit fast 20 Jahren prägen. „Natürlich mussten wir uns nach all den Jahren als Trio erst mal wieder darauf besinnen, wer wir eigentlich sind und wo wir herkommen – und deswegen sind wir nach dem Moderat-Abschlusskonzert in der Berliner Wuhlheide durch die Clubs getourt und haben als Modeselektor mehr als 100 DJ-Gigs gespielt.“

Man hört dem neuen Modeselektor-Album an, was für ein Befreiungsschlag „Who else“ für die beiden gewesen ist: Die Vorabsingle „Wealth“ mit der britisch-nigerianischen Rapperin Flohio ist da wenig repräsentativ, denn die restlichen Tracks wie etwa „One united Power“ oder „Prügelknabe“ verzichten auf jegliches Klimbim und gehen mit durchgehend hohen bpm-Werten voll auf die Zwölf. Die beiden haben sich den Spaß am Wumms zurückerobert, und nicht zuletzt, weil sie die Platte mit acht Tracks und einer Laufzeit von gerade mal 35 Minuten sehr kompakt gehalten haben, klingen sie plötzlich wieder so frisch wie auf ihrem Debüt „Hello Mom!“ aus dem Jahr 2005. „Warum sollen wir 20 Stücke veröffentlichen, wenn davon dann mehr als die Hälfte eigentlich überflüssig ist?“, gibt sich Bronsert selbstbewusst. Und auch wenn sie sich mit „WMF Love Song“ vor dem nach diversen Umzügen endgültig geschlossenen Berliner Club verneigen, fallen sie nicht in den Chor ein, der das Verschwinden der Freiräume und den generellen Verfall der Clubkultur in der Hauptstadt bejammert. „Mit dem Track erinnern wir uns an legendäre Nächte, trotzdem blicken wir weiter nach vorn, und für mich fühlt sich in der elektronischen Musik derzeit auch nichts falsch an“, wimmelt Bronsert ab. „Genau deswegen haben wir ja auch gerade wieder ein neues Label gegründet: Wir wollen junge Talente supporten und sicherstellen, dass sie nicht in einem falschen Camp ihre kreative Freiheit einbüßen.“

 

Modeselektor • Album

Künstler: Modeselektor
Titel: Who else
Label: Monkeytown
VÖ: 22.02.2019

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