Gestreichelter Protest

Auf ihrer fünften Platte „Broken Politics“ klingt Neneh Cherry weniger wütend als zuvor – doch der Schein trügt.

Sie meldet sich aus dem Mutterschiff. So nennt Neneh Cherry, vor 54 Jahren geboren als Neneh Mariann Karlsson, das umgebaute Schulgebäude auf dem schwedischen Land bei Hässleholm, das ihre Eltern 1970 gekauft haben und in dem sie aufgewachsen ist. „Ich war glücklich hier als Kind, und ich bin es noch immer. Viel verändert hat sich nicht. Die Gerüche sind noch dieselben, ein paar Bäume sind gewachsen, einige sind verschwunden – aber alles in allem kann ich hier die Zeit anhalten und wieder Kind sein.“ Vor unserem Gespräch, so erzählt Neneh, habe sie mit ihrem Fahrrad eine „kurze, aber knackige Runde“ ums Grundstück gedreht. „Für skandinavische Verhältnisse sind das hier Hügel. Ich bin noch leicht außer Atem, dafür habe ich mein Herz und meinen Kopf gründlich durchgelüftet.“ Cherrys Eltern – Mutter Moki war Künstlerin, Stiefvater Don Cherry ein bekannter Jazzmusiker – leben nicht mehr, und so ist sie jetzt die Matriarchin, die das Anwesen ein bisschen in Schuss hält. „Für alle in der Familie ist das Haus ein bedeutender Ort. Wir kommen her, um uns zu erinnern. Für uns Kinder, und auch bereits für meine Töchter, ist dieses Heim eine große Lebenskonstante.“

Neneh Cherry ist seit über 30 Jahren mit dem Produzenten Cameron McVey zusammen, sie haben zwei gemeinsame Töchter (Tyson und Mabel), aus einer frühen Beziehung stammt Tochter Naima, die Neneh mit 18 zur Welt gebracht hat. Alle Mädchen machen ebenfalls Musik – vor allem die jüngste Tochter Mabel, die einzige, die noch zu Hause lebt, schickt sich an, ihrerseits Karriere zu machen. Nach Nomadenjahren in Malaga und New York ist der Erstwohnsitz heute London, wo Tochter Tyson auf dem Rad permanent ihr Leben riskiere, „sich von ihrer Mutter, einer passionierten London-Fußgängerin, aber nichts vorschreiben“ lasse. Fünf Minuten Telefonat mit Neneh Cherry, noch kein Wort über Musik oder ihre neue Platte – und man hat den Eindruck, als kenne man die Frau schon ewig.

Aber so geht es ja auch nicht, also reden wir über „Broken Politics“, ihr neues, erstaunlicherweise erst fünftes und wie gewohnt großartiges Album. Es kommt vier Jahre nach Nenehs Comeback mit „Blank Project“, vor dem sie wiederum 18 Jahre lang keine eigenen Stücke herausgebracht, sondern ausschließlich Kollaborationen gemacht hat. Cherrys große Hits „Buffalo Stance“, „Manchild“ und „7 Seconds“ im Duett mit Youssou N’Dour stammen aus den späten 80er- und frühen 90er-Jahren, sind aber nie aus dem kollektiven Musikgedächtnis verschwunden und hören sich bis heute zeitgemäß an. „In dieser langen Pause, die ich gebraucht habe, um so vieles, etwa den Tod meiner Eltern oder die Geburt meiner Töchter, zu verarbeiten, hat sich eine große Masse an Kreativität in mir aufgestaut“, sagt Cherry. „Und ich bin so froh, dass ich meine Ideen und Gedanken durch meine ganz eigenen Kanäle fließen lassen kann. Ich muss auf niemanden Rücksicht nehmen, ich bin nicht auf Hits angewiesen, ich kann mir den ganzen Bullshit sparen und Songs machen, die mir im Kern entsprechen.“

„Ich habe über die Jahre gelernt, dass mich nichts so wirkungsvoll therapiert wie das Songschreiben – und in welcher Therapie schreit man sich schon an?“

Verglichen mit dem Vorgänger, den sie vor allem mit dem Produzentenduo RocketNumberNine aufnahm, ist das mit Kieran Hebdan alias Four Tet und ein wenig Hilfe von McVey sowie 3D von Massive Attack produzierte „Broken Politics“ eine introspektivere Songsammlung geworden. Die Lieder klingen eher sanft, auch die Beats sind soft und zurückhaltend; hier haut nichts in die Fresse, hier wird klanglich eher gestreichelt. Besonders stolz ist Cherry auf die Mitwirkung des 83 Jahre alten Karl Berger, einem heute in den USA lebenden Jazzpianisten aus Heidelberg, der auf „Synchronized Devotion“ ebenjenes Vibraphon ertönen lässt, „das er vor 50 Jahren mit meinem Vater Don gespielt hat“. Cherry erklärt: „Ich möchte mit den Liedern kommunizieren, in einen Austausch treten. Das gelingt mir besser, wenn die Musik ruhig ist. Zudem habe ich über die Jahre gelernt, dass mich nichts so wirkungsvoll therapiert wie das Songschreiben – und in welcher Therapie schreit man sich schon an?“ Auf der anderen Seite: die Texte. Cherry war immer schon Feministin, sie trat im siebten Monat ihrer Schwangerschaft bei „Top of the Pops“ auf („Würde ich heute nicht mehr machen“), ihr gesamtes Erscheinungsbild zwischen Grazie und Tomboy war stets auch ein Statement, dessen Bedeutung sie freilich herunterspielt. „Andere Frauen haben ungleich mehr bewegt als ich. Gestern im Zug von Norwegen nach Kopenhagen habe ich eine Dokumentation über die Dichterin und Bürgerrechtlerin Maya Angelou gesehen. Was für eine Poetin, was für eine starke Frau. Ich habe da auf meinem Sitz gehockt und geweint.“

Der klarste Protestsong auf der neuen Platte heißt „Kong“. Cherry schrieb ihn nach einem Besuch in den Flüchtlingsbaracken von Calais. „Kann sein, dass gerade alle politisch werden, aber das ist doch gut. Als Mensch, der schon ein bisschen gelebt und ein bisschen was mitgemacht hat, wollte ich die Zeitgeschichte vorsichtig in die Songs integrieren, ohne plump zu erscheinen. Ich halte es für barbarisch, die Menschen, die ihre Heimat verlassen und mit nichts außer ihrer Würde hier ankommen, auch noch zu drangsalieren und zu quälen. Zumal die westliche Welt verantwortlich ist für einen Großteil des Schreckens, den diese Leute erleiden müssen.“

Neneh Cherry • Album

Künstler: Neneh Cherry
Titel: Broken Politics
Label: Smalltown Supersound
VÖ: 19.10.2018

Neneh Cherry • Listening

Neues Video von Neneh Cherry

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