Ein Liebeslied fürs Mittelmeer

Interview Jan Paersch

Trotz Düsseldorf ein Album übers Mittelmeer komponieren? Nein, wegen Düsseldorf!

uMagazine: Omer, wie kamst du auf das Konzept, ein Album über die Kultur des Mittelmeeres zu machen?

Omer Klein: Wenn ein Projekt abgeschlossen ist, habe ich manchmal das Gefühl: Jetzt muss ich mal zuhören. Das sind Zeiten, in denen ich nur aufsauge: Bücher, Filme, die Musik anderer Leute. Ich beziehe alle Genres aus verschiedenen Zeiten ein und achte dabei auf meine körperliche Reaktion. Wenn ich auf etwas reagiere, mag das etwas sein, dass es weiter zu verfolgen lohnt. In diesem Fall war das eher zufällig türkische, griechische, nordafrikanische Musik. Ich hatte also schon den mediterranen Geruch in der Nase. Dann habe ich die Geschichte studiert – und der Region ein Liebeslied geschrieben.

uMagazine: Du hast mal erzählt, dass ihr nach Konzerten gemeinsam als Band noch Musik hört.

Omer Klein: Ist das nicht bescheuert? So besessen sind wir von Musik. Nach einem Gig können wir natürlich nicht gleich schlafen gehen, weil wir noch voller Adrenalin sind. Meistens landen wir dann im Hotelzimmer meines Drummers Amir Bresler und spielen uns gegenseitig Musik vor. Wir haben das nie als konstruktive Tätigkeit betrachtet, um irgendwann neue Musik zu kreieren. Aber genau das ist es! Ohne diese Late-Night-Zusammenkünfte wäre „Radio Mediteran“ nicht entstanden. Mir als Komponisten gibt es neue Referenzpunkte.

uMagazine: Neu ist, dass du analoge Synthesizer benutzt.

Omer Klein: In den Siebzigern haben sie in den Mittelmeer-Ländern ihr eigenes Zeug gespielt, dabei aber die Instrumente benutzt, die damals hip waren – und das waren Synthesizer. Auch Herbie Hancock und Stevie Wonder haben auf großartige Weise erforscht, wie man sie im Jazz einsetzen kann. Wir haben von diesen Möglichkeiten deutlich weniger Gebrauch gemacht und einfach Klänge integriert, die wir lieben. Ich wollte kein World-Music-Album machen, deshalb hörst du nicht die wahren Instrumente des Mittelmeeres: keine Oud, keine Violine. Die Synths verdeutlichen: Das ist Musik aus dem Hier und Jetzt und kein museales Werk.

uMagazine: Trotz größtenteils akustischer Instrumentierung erinnern viele Songs auf „Radio Mediteran” an Rocksongs.

Omer Klein: Wir haben uns nie bloß für akustischen, entspannten Jazz interessiert. Rhythmische Songs mit lautem Drumming: Das liegt uns! Auf der letzten Tour haben wir auch in Technoclubs gespielt, und das hat etwas in uns geweckt. Rock meint ja nicht nur die Energie, es betrifft auch die Form der Songs. Mir ist aufgefallen, dass ich mich dem üblichen Jazzformat zu sehr verpflichtet fühle. Nur weil wir improvisieren können, müssen wir es ja nicht machen. Deshalb gibt es hier auch Songs ohne Soli, oder nur mit sehr kurzen, wie man das aus Popsongs. Wir haben uns gefragt: Wie behält man den „Spirit of Improvisation“ bei, ohne zu improvisieren?

 

Omer Klein • Album

Künstler: Omer Klein
Titel: Radio Mediteran
Label: Warner Records
VÖ: 01.03.2019

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