P!nk: Der Liebe auf der Spur

Als Quertreiberin hat sie sich immer von ihren Pop-Kolleginnen abgesetzt. Doch kurz vor ihrem 40.Geburtstag scheint sich P!nk nun doch mit dem Leben versöhnen zu wollen.

„Maybe I’m just scared to be happy“, singt P!nk im Refrain von „Happy“. Jedes Mal, wenn sie es versucht, steht sie sich wieder selbst im Weg. Weiter spricht sie in dem Stück darüber, ihren Körper zu hassen, seit sie 17 ist. Sie ist bei so ziemlich jedem Therapeuten der Welt gewesen, doch ist sie einfach zu zynisch, um sich mit ihren Gefühlen auseinanderzusetzen. Immerhin: „Seit ich 22 bin, bin ich mit jemandem zusammen, der mich liebt, und ich versuche daran zu glauben, dass diese Liebe wahr ist. Doch mein Kopf wirbelt mein Herz immer wieder durcheinander, da kann ich machen, was ich will.“ Die Musik dazu ist wunderbar unaufdringlich: einfach eine akustische Gitarre, kein Lärm, kein Zinnober, im Mittelpunkt stehen P!nks Stimme und ihre intimen Bekenntnisse.

Man findet in diesen Zeiten der auch musikalisch oft oberflächlichen Bedürfnisbefriedigung wohl nicht viele Alben, die einen so nah an den Menschen hinter der Musik ranlassen, wie P!nks achtes Studiowerk „Hurts 2B Human“. Sie hat 60 Millionen Alben verkauft, drei Grammys gewonnen, just einen Stern auf dem „Walk of Fame“ erhalten und nimmt pro Konzert im Schnitt gut drei Millionen Euro ein. Doch P!nks Alleinstellungsmerkmal unter den großen Popweltstars der letzten ein bis zwei Jahrzehnte ist: offen zu sein bis es auch schon mal weh tut. Man erinnere sich etwa an ihr sehr persönliches Album „M!ssundaztood“ aus dem Jahr 2001, auf dem sie die zerrütteten Familienverhältnisse, das Verlassen des Elternhauses in Doylestown, Pennsylvania, den zu frühen Drogenkonsum und das Abhängen mit fragwürdigen Gestalten als junger Teenager verhandelt hat. Später dann kriegte das Mädchen, das im Gegensatz zu heutigen Jungstars wie Billie Eilish oder Shawn Mendes nicht aus einem privilegierten Elternhaus stammt, die Kurve und kämpfte sich nach vorn. „Ich verkaufe keinen Sex“, sagte sie jüngst gegenüber Variety. „Ich verkaufe kein Parfüm. Ich bin sicher nicht die Hübscheste. Aber ich habe genug Talent für diesen Job, ich trainiere hart und ich bin überzeugt, dass ich eine hervorragende Pop-Handwerkerin bin. Ich gebe immer Vollgas.“

 

 

Und noch eine Eigenschaft macht sie besonders: „Ich bin schmerzhaft ehrlich“, sagt P!nk, die als Alecia Moore zur Welt kam. „Ich kann gar nicht anders. Ich bin miserabel darin, jemandem etwas vorzuspielen. Und ich bin tatsächlich eine notorische Zweiflerin.“ Mit dieser Haltung, so ihre Überzeugung, stehe sie freilich nicht allein da. „Ich kenne wirklich niemanden, der sich seiner selbst oder auch seiner Beziehung zu hundert Prozent sicher ist. Es gibt Phasen, die sind verflucht hart. Phasen, in denen du alles hinterfragst – und das wird sich wohl auch nie ändern.“ P!nk ist – mit zwei kurzen Unterbrechungen – seit 18 Jahren mit dem Motocross-Fahrer Carey Hart zusammen. 2006 haben die beiden geheiratet, und das Paar hat zwei Kinder: Tochter Willow (7) und Sohn Jameson (2). So unverkrampft und mitteilsam sie sich in ihren Songs gibt, so locker präsentiert sie auch sich und ihre Liebsten in den sozialen Medien. Wer P!nk folgt, bekommt den Eindruck einer eigentlich ganz normalen, viel reisenden Familie. Bloß, dass Mummy einen Job hat, bei dem sie abends vor Zehntausenden von Leuten durch die Gegend saust und Welthits singt.

 

 

P!nk wird im September 40 und freut sich nach eigenem Bekunden auf das vor ihr liegende Lebensjahrzehnt. „Viele meiner Freunde beteuern, es sei das coolste und entspannteste“, sagt sie. Der aufrichtige, ernsthafte, ja erwachsene Ton prägt nicht nur den Song „Happy“, sondern das gesamte neue Album. Kein Vergleich mit dem erst vor anderthalb Jahren erschienenen Vorgänger, der inhaltlich stark von der volatilen Liebe zu Carey geprägt war. Auf „Beautiful Trauma“ hadert und schimpft P!nk deutlich mehr als auf der neuen Platte. „Kämpfe und Auseinandersetzungen sind ein entscheidender Bestandteil des Lebens. Ich war nie gut darin, in so einem sanften, harmonischen Flow durchs Leben zu schweben“, gab P!nk damals noch zu Protokoll.

Doch nun scheint sie den Versuch zu starten. Etwa mit dem Titelsong, einem Duett mit Khalid: P!nk beschreibt das Szenario einer Zweisamkeit, die nicht frei von Fehlern ist, aber in entscheidenden Momenten eben nicht zerbricht – sondern hält. Auch in „Walk me home“, der ersten Single, die von ihrem „Just give me a Reason“–Gesangspartner Nate Ruess mitgeschrieben wurde, geht es um Geborgenheit und das Gefühl, sich auf den anderen verlassen zu können. „Say you’ll stay with me tonight‚ cause there’s so much wrong going on“, singt sie. Das ist vielleicht bieder und nicht besonders Rock’n’Roll, aber es ist nun mal die Realität. „Auch ich bin ruhiger geworden“, sagt sie und lächelt. „Zumindest etwas.“ So räumt sie im ebenfalls entspannt-unaufgepeppten „My Attic“ die Leichen im Keller („sober plans and one-night stands“) auf, und das melancholische „90 Days“, eine Kollaboration mit dem Singer/ Songwriter Wrabel (auch er eine Entdeckung), geht richtig an die Nieren, so schön ist dieses Lied.

 

 

Die große Politik bleibt bei P!nks introspektiven Offenbarungen außen vor, nur im pulsierenden „Can we pretend“ (feat. Cash Cash) singt sie die hübsch-fiese Zeile „Can we pretend that we both like the president“, während das hymnische „Courage“ als Ermunterung an all die jungen Menschen verstanden werden kann, die sich gerade nichts mehr gefallen lassen. „Die Nachrichten, die ganze Welt, all das überfordert mich manchmal. Oft will ich mich nur noch in irgendeiner Ecke verstecken, weil ich das alles nicht mehr hören und ertragen kann.“ Auch keine Dauerlösung. „Nein. Und deshalb begeistern mich die jungen Menschen, die auf Demos marschieren – das gab es zu meiner Zeit nicht. Die jungen Leute wollen mitreden und an den Entscheidungen, die sie schließlich am stärksten betreffen, beteiligt werden.“ Ein paar schnelle Nummern gibt es auf „Hurts 2B Human“ übrigens auch: „Hustle“ ist eine coole Verbeugung vor Motown-Soul, das aus der Max-Martin-Hitbäckerei stammende „(Hey why) Miss you sometime“ kann auch auf Hip-Hop-Partys laufen. „Ich wollte nie in einer Schublade stecken. Denn dort bist du gefangen. Mir war es immer wichtig, als Künstlerin Risiken einzugehen, zu wachsen, die Grenzen zu verwischen.“ Doch das Herz von „Hurts 2B Human“ ist und bleibt eindeutig: die Liebe.

P!nk • Album

Künstler: P!nk
Titel: Hurts 2B Human
Label: RCA
VÖ: 26.04.2019

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