„Everyone I fucked and who fucked me last year“

Dem Indierock konnte gar nichts Spannenderes passieren, als dass die kalifornische Songwriterin Sasami mal ein bisschen ihr Leben sortiert.

uMagazine: Sasami, in deinem Leben war Musik von Beginn an der Dreh- und Angelpunkt. Warum trittst du erst jetzt in die erste Reihe vor und veröffentlichst ein Debütalbum mit deinen eigenen Songs?

Sasami Ashworth: Ich habe nie mit der Bürste als Mikro vorm Spiegel gepost. Als Kind war ich ein Nerd, der klassische Musik gehört hat, und dann habe ich mich ja bereits als Zehnjährige dem Waldhorn verschrieben.

uMagazine: Wäre es wenigstens das Klavier oder ein anderes, weniger exotisches Instrument gewesen …

Sasami Ashworth: Das war wohl meine erste, zugegeben sehr verquere Rebellion. Da lag dieses merkwürdig aussehende Instrument in der Ecke, für das sich kein Kind interessiert hat. Stell dir vor, wie eine Gruppe Zehnjähriger mit ihren Instrumenten den Raum betritt – und ganz zum Schluss kommt ein kleines, asiatisches Mädchen, das sich mit einem riesengroßen Koffer abmüht. Von da an war wohl schon klar, dass ich irgendwie rausfalle. Ich habe ja auch lange durchgehalten, jeden Tag sechs Stunden geübt und viel Geld fürs Konservatorium bezahlt. Erst mit 22, 23 konnte ich mich nach und nach vom Waldhorn emanzipieren.

uMagazine: Du hast Soundtracks komponiert, als Produzentin gearbeitet und bist schließlich als Keyboarderin bei Cherry Glazerr eingestiegen.

Sasami Ashworth: Das war der logische nächste Schritt, und da ich gerade eine längere Beziehung an die Wand gefahren hatte, fand ich es sehr reizvoll, mit Cherry Glazerr ständig unterwegs zu sein. Auf Tour stellte sich dann zum ersten Mal das sehr drängende Bedürfnis ein, selber zu schreiben, und so habe ich den Leerlauf im Hotel oder im Van genutzt, um mit meinem iPad an eigenen Songs zu arbeiten. Damals hatte ich keine eigene Wohnung in L.A., weshalb ich mir Studioaufenthalte leisten konnte, wann immer wir zwischendurch mal ein paar Tage zu Hause waren. Irgendwann war dann die Platte fertig.

 

 

uMagazine: Auf Instagram hast du die Themen von „Sasami“ sehr schön und sehr plastisch zusammengefasst: „Everyone I fucked and who fucked me last year.“

Sasami Ashworth (lacht): Ich habe mich mit der Platte ein bisschen sortiert. Auf Nachfrage habe ich die Songs ja auch als Briefe oder Nachrichten beschrieben, die ich am Ende doch nicht an den entsprechenden Adressaten geschickt habe. Das stimmt nur so halb, denn eigentlich bin an der Senden-Taste gar nicht so zögerlich. Vielleicht fasse ich die Platte lieber als den Versuch zusammen, aus einem gebrochenen Herzen zumindest noch ein bisschen Cash rauszupressen.

uMagazine: Für mich sind die Songs eine Mahnung, sein Selbstwertgefühl nicht von der Tatsache abhängig zu machen, ob man in einer Beziehung ist oder nicht.

Sasami Ashworth: Unbedingt. Obwohl wir mittlerweile angeblich in einer Single-Welt leben, erstaunt es mich doch, wie überall unterschwellig Druck ausgeübt wird, sich doch bitteschön zu verpartnern. Wir sollten nie vergessen, dass Menschen in Beziehungen oft einsamer sind als Einzelkämpfer.

 

 

uMagazine: Waren die Texte für dich die größte Herausforderung beim Debüt?

Sasami Ashworth: Die kamen eigentlich wie von selbst, und da bei mir eh Klang vor Inhalt geht, bin ich überrascht, dass sie am Ende doch sehr linear sind. Für mich war das Album vor allem ein Projekt, eine bessere Gitarristin zu werden. Aber die größte Schwierigkeit war die Koordination: Einerseits sind ja viele Freundinnen wie Meg Duffy, SoKo oder Devendra Banhart beteiligt, mit denen man Termine absprechen muss, andererseits galt es, die Produktion zu wuppen. Mir fällt es nach wie vor schwer zu akzeptieren, dass ich nicht meine Autonomie aufgebe, nur weil ich an bestimmten Punkten um Hilfe bitte.

uMagazine: Weil Musik immer noch eine Männerdomäne ist?

Sasami Ashworth: Es ist ein ständiger Kampf. Es mag inzwischen Festivals geben, bei denen das Geschlechterverhältnis ausgewogen ist, aber auf eine Produzentin kommen immer noch 500 Typen. Überhaupt der ganze Technikkram: Gerade gestern war ich in einem Musikgeschäft, um einen Verstärker zu testen, und sofort kam ein Typ auf mich zugestürmt, der mit dem Laden nichts zu tun hatte, um mir von oben herab zu erklären, wie schlecht der Verstärker sei. Den konnte ich nur noch anschreien: Ich habe dich verdammt noch mal nicht nach deiner Meinung gefragt.

uMagazine: Du arbeitest wenn möglich mit Frauen und gehst ausschließlich mit Musikerinnen auf Tour …

Sasami Ashworth: Der gegenseitige Support ist mir wichtig, da es immer noch Benachteiligungen gibt. Momentan nervt es mich zum Beispiel extrem, dass als Referenzen für meine Musik immer wieder Künstlerinnen wie Mitski oder Japanese Breakfast genannt werden. Gibt es etwa bei Duster oder My Bloody Valentine wirklich weniger Parallelen? Und wo wir gerade schon dabei sind: Da wird ja nicht nur das Geschlecht zum Genre erklärt. Wenn vor allem Musikerinnen mit asiatischen Wurzeln genannt werden, bekommt es auch noch rassistische Untertöne.

Sasami • Album

Künstler: Sasami
Titel: Sasami
Label: Domino
VÖ: 08.03.2019

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