Contemporary Music

Stubenrocker

Steven Wilson macht jetzt nicht nur Pop statt Prog, sondern gibt auch Wohnzimmerkonzerte.

Home Invasion nennt sich ein Subgenre des Horrorkinos, in dem die vertrauten vier Wände durch Eindringlinge zum Hort der Angst werden. Dieser Effekt ist von Steven Wilson hingegen nicht zu erwarten, der seine neue Konzert-DVD „Home Invasion: In Concert at the Royal Albert Hall“ genannt hat: Die Veröffentlichung enthält den letzten der insgesamt drei Soloauftritte, die der Porcupine-Tree-Frontmann in der berühmten Londoner Konzerthalle absolviert hat und mit denen er Ende März 2018 seine mehrmonatige Europatour zu einem fulminanten Abschluss gebracht hat. Anlass der Tour war sein fünftes und bisher erfolgreichstes Soloalbum „To the Bone“, auf dem der Musiker unerwartete Töne anschlug: Statt der komplexen, nicht selten auch sperrigen Gitarrenmusik, für die seine Hauptband steht, dominieren auf der Platte poppigere Töne, deren Vorbilder im Plattenregal seiner Eltern zu finden sind.

Er habe Popmusik schon immer geliebt, erzählte Wilson zum Erscheinen von „To the Bone“ im Interview mit der kulturnews. „Mein Vater hat viel Pink Floyd gehört, meine Mutter eher Abba, Donna Summer, The Carpenters oder die Bee Gees“, erinnert sich der Künstler. „Ich mochte beides. Für mich gab es keine musikalischen Grenzen, sondern nur gute und schlechte Songs. Allerdings gingen mir lange, konzeptionelle Rocksongs immer leichter von der Hand als dreiminütige Popsongs. Viele Künstler machten damals, was man ‚anspruchsvollen Pop’ nannte: Popmusik, die auf den Mainstream zielt, die zugänglich ist und tolle Melodien hat, die aber, wenn man tiefer eintauchen will, auch intelligente Texte, tolle Produktionen und anspruchsvolle Arrangements zu bieten hat.“ Dieses Konzept hat Wilson verinnerlicht – und stellt seiner neuen Eingängigkeit teils düstere Texte entgegen, die von schweren Themen wie der Definition von Wahrheit, dem Schicksal von Geflüchteten oder der um sich greifenden Angst vor Terroranschlägen erzählen. Dass die mehr als drei Konzertstunden auch zu Hause etwas hermachen, das liegt jedoch nicht nur an Wilsons Musik allein: auch das altehrwürdige viktorianische Ambiente der Royal Albert Hall ist daran beteiligt, welches von dutzenden Kameras aus allen erdenklichen Perspektiven eingefangen und vermessen wird. Hier entfalten die eindrucksvollen Visuals erst ihre ganze Wirkung. Und indem Wilson den Surround-Sound selbst abgemischt hat, stellt er sicher, dass die klanglichen Feinheiten seiner Musik auch über die Lautsprecher des Fernsehers voll zur Geltung kommen.

Steven Wilson • Album

Künstler: Steven Wilson
Titel: Home Invasion: Live at Royal Albert Hall
Label: Eagle Rock
VÖ: 02.11.2018

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