Besetzt die Zwischenräume!

Interview Steffen Rüth

Suede-Sänger Brett Anderson legt sich nicht gern fest, auch nicht auf dem neuen Album „The Blue Hour“. Es sei denn, man spricht ihn auf Britpop an.

Steffen Rüth: Brett, in „Wastelands“ singst du über eine Grusel-Landschaft, andere Songs heißen „Beyond the Outskirts“ und „Roadkill“. Was ist das für eine bedrohlich wirkende Welt, in der du dich auf dem neuen Album bewegst?

Brett Anderson: Eine Zwischenwelt. Orte, die nicht wirklich Land, aber auch nicht wirklich Stadt sind. Dieser Zustand des Uneindeutigen hat mich seit jeher fasziniert. Genauso ist es mit „The Blue Hour“ selbst. Die blaue Stunde ist die Stunde zwischen Tag und Nacht, und die liebe ich sehr.

Steffen Rüth: Hast du Probleme damit, dich festzulegen?

Brett Anderson: Ja, aber für mich ist das kein Problem, sondern eine Gabe. Klarheiten langweilen mich. Das totale Hell und das totale Dunkel regen die Fantasie nicht an. Als Künstler spreche ich lieber über die tausend Schattierungen dazwischen.

Suede waren von Anfang an unverwechselbar

 

Steffen Rüth: Du hast dich immer so ein bisschen als die gequälte Seele des Britpop inszeniert …

Brett Anderson: Halt! Wir wollten nie ein Teil dieser großen Traube sein. Ich habe Britpop immer gehasst, und die haben damals doch alle mehr oder weniger dasselbe Album gemacht. Suede hatte von Anfang an eine unverwechselbare Klangfarbe und einen ganz individuellen künstlerischen Kosmos. Zusammenrottungen sind mir ohnehin suspekt.

Steffen Rüth: Du hattest damals Probleme mit der Psyche und mit den Drogen. Heute lebst du mit deiner Frau und zwei Kindern zwei Stunden entfernt von London und gehst gerne spazieren. Ist der Brett Anderson mit 50 ein glücklicherer Mann als der Brett Anderson mit Mitte 20?

Brett Anderson: Wenn ich oberflächlich antworten soll, würde ich sagen: Ja, bin ich. Aber wenn ich ehrlich bin, finde ich Glück langweilig. Genau wie Depression. Wenn du glücklich bist, dann bist du wie betäubt und denkst über nichts nach. Wenn du depressiv bist, ebenfalls. Ich aber denke so schrecklich gern, und deswegen gilt auch hier: Irgendwas dazwischen ist am besten.

 

 

Steffen Rüth: In „The Invisibles“, einem ergreifenden Song mit Streichern und musikalisch großem Drama, singst du über deine Jugend. Wie warst du als Teenager?

Brett Anderson: Ich war ein miserabler Pubertierender. Schon damals war ich eher eine alte Seele und konnte es nicht erwarten, erwachsen zu werden. Heute sehne ich mich manchmal nach der Jugend zurück, logisch. 50 ist aber kein übles Alter: Du hast gelernt, dich selbst zu kontrollieren, und doch ist der wilde Lebensdurst der Jugend noch nicht ganz verschwunden.

Steffen Rüth: Ist der opulente Song „Life is golden“ eigentlich ironisch gemeint?

Brett Anderson: Ironisch? Nein. Ich hasse Ironie. Ich liebe Musik, die es ehrlich meint. „Life is golden“ ist ein simpler Song voller Hoffnung, Zuversicht und Stärke. Ein Song für meine Kinder.

Steffen Rüth: Werden die Kinder es mal schwerer haben als wir?

Brett Anderson: Ach, natürlich bin ich im Bilde darüber, was politisch passiert. Aber ist nicht immer schon die aktuelle Zeit die allerschlimmste, die es jemals gab? Irgendwann ist es auch mal genug mit dem Sich-Sorgenmachen. Wir sollten auch nicht vergessen, uns um unser eigenes Leben zu kümmern.

Suede • Album

Künstler: Suede
Titel: The Blue Hour
Label: Warner Records
VÖ: 21.09.2018

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