Contemporary Music

Mehr Sein als Schein

Er hat die aufregendste neue Stimme im Pop – gerade weil sich der 21-jährige Tamino ganz genau überlegt, wann er sie erhebt.

Er schaut ein bisschen bedröppelt aus dem Seitenfenster und beobachtet, wie die Menschen vor dem immer heftiger werdenden Regen flüchten. „Hamburg hat bestimmt auch schöne Ecken“, sagt Tamino-Amir Moharam Fouad, „aber wenn ich in Hamburg Konzerte spiele, sehe ich immer nur die Gegend um die Reeperbahn, und die ist mir echt zu abgefuckt und trist.“ Der 21-jährige Musiker aus Antwerpen ist in den vergangenen Monaten durch den Erfolg seiner Debüt-EP viel rumgekommen: Gestern noch war er in Prag, und bevor es weiter zur Pariser Fashion Week geht, stehen beim Reeperbahn Festival ein paar weitere Konzerte in Hamburg an, wo er zudem auch für den Anchor Award als bester Newcomer nominiert ist. Gerade hat er den Soundcheck im Imperial Theater absolviert, wo er am Abend auftreten soll, und Taminos Betreuerin von seiner Plattenfirma nutzt die Taxifahrt ins Hotel, um ihn darüber zu informieren, wer am Abend in der Jury sitzen wird. Namen wie Linda Perry und Skye Edwards nimmt er mit ungerührter Miene zur Kenntnis, erst bei Tony Visconti merkt er auf. „Er hat ,Heroes’ von David Bowie produziert, oder?“, hakt er nach, zeigt aber keine Anzeichen von Nervosität. „Ich bin ein bisschen erkältet, aber das wird schon“, sagt er und lächelt siegessicher, auch wenn ihm im Hotel keine Verschnaufpause gewährt wird, da inzwischen ja auch sein Debütalbum fertig ist und dementsprechend viele Interviews anstehen.

Natürlich ist es sehr geschickt, das Album „Amir“ mit einem Song zu beginnen, der bereits durch die EP bekannt ist und in seinen fünf Minuten all das offenbart, was diesen jungen Mann mit belgischen, ägyptischen und libanesischen Wurzeln zum derzeit aufregendsten neuen Künstler macht: Wenn Tamino in „Habibi“ eine majestätische, aber dem Untergang geweihte Liebe besingt, wechselt er von seiner tiefen, leicht belegt klingenden Singstimme in ein oktavenübergreifendes Falsett und integriert arabische Tonskalen in eine herzergreifende europäische Folkballade. „Es ist einer meiner ältesten Songs, und er funktioniert perfekt, um mich als Künstler vorzustellen“, kommentiert er, während er sich im Frühstücksbereich des Hotels mit einem Tee versorgt. Dass es sich bei „Habibi“ um einen Übersong handelt, mit dem er die emotionale Wucht seiner atemberaubenden Stimme voll ausspielen kann, ist ihm durchaus bewusst – nicht umsonst platziert er das Stück bei Konzerten in der Regel am Ende seines Sets. „Ich kann da alles zeigen, aber das Stück rechtfertigt es auch“, sagt er. „So oft ich den Song mittlerweile gespielt habe, reibt er mich noch immer auf, und wenn ich bei einem Konzert merke, dass das Publikum mir nicht wirklich zuhört und sich unterhält, lasse ich ihn auch schon mal weg und spare mir meine Energie.“

Taminos größte Leistung auf „Amir“ ist es, dass er sich von dem „Habibi“-Zuspruch nicht hat korrumpieren lassen. „Ich hasse es, wenn Musiker angeben und ständig ihre Virtuosität ausstellen müssen. Mir ist schon klar, dass es Leute gibt, die nur darauf warten, dass ich mein Falsett benutze, aber das mache ich eben nur dann, wenn es sich richtig anfühlt und der jeweilige Song es erfordert“, erklärt er selbstbewusst. So ist „Amir“ ein vielschichtiges Ambientpopalbum geworden, das Taminos bewegte Biografie widerspiegelt: die von seiner Mutter initiierte klassische Klavierausbildung, seine Entdeckung der Rockmusik inklusive diverser Banderfahrungen und natürlich der Einfluss seines verstorbenen Großvaters väterlicherseits, der in Ägypten ein bekannter Musiker und Schauspieler gewesen ist. Während Tamino nach Möglichkeit alle Instrumente selbst eingespielt hat, war es doch eine große Ehre für ihn, das Ensemble Nagham Zikrayat dabei zu haben. „Eigentlich hatten sie mich als Gastsänger angefragt, weil sie ein Konzert mit Stücken meines Großvaters Moharam Fouad spielen wollten, doch musste ich das absagen, weil ich selbst ja kein Arabisch spreche.“ Stattdessen ist das vor allem aus Emigranten aus dem Irak und Syrien zusammengesetzte Musikerkollektiv nun auf einigen Stücken von „Amir“ zu hören.

„Mir war es wichtig, dass jedes Element auf der Platte in einer engen Verbindung zu mir und meiner Geschichte steht“, sagt Tamino und muss dann doch grinsen – schließlich spielt Colin Greenwood von Radiohead bei „Indigo Night“ den Bass. „Wer kann da schon dogmatisch sein? Außerdem haben wir gemeinsame Freunde, und musikalisch hat es sofort gefunkt.“ Ansonsten konnte er seine Maxime selbst bei den Soundspielereien der Komponistin Inne Eysermans einlösen, die mit einem alten Kassettenrekorder abgefahrene Klangcollagen baut. „Ich wollte ein Element, das gegen den Schönklang arbeitet, aber ich habe mich nur dazu entschieden, weil sie dazu drei alte Tapes meines Großvaters verwendet hat.“

Später im Imperial Theater überzeugen Tamino und seine Band vor allem mit Schönklang. Natürlich spielen sie „Habibi“ als letzten Song, und natürlich gewinnt Tamino den Anchor Award. Lediglich ein Gerücht ist dagegen, dass sich Starjuror Tony Visconti während des Auftritts eine Träne aus dem Augenwinkel gewischt hat.

Tamino • Album

Künstler: Tamino
Titel: Amir
Label: Communion Records
VÖ: 19.10.2018

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