Alles wird in Flammen stehen

Mit experimentellen Sounds haben These New Puritans die Musikszene einst auf links gedreht. Mittlerweile ist Pop für die Zwillinge Jack und George Barnet aber wesentlich subversiver.

uMagazine: Jack, so nah wie auf dem neuen Album seid ihr konventionellen Songstrukturen nie zuvor gekommen, oder?

Jack Barnett: Zumindest an der Oberfläche. George und ich wollten Songs, die auf keinen Fall abstrakt oder dreamy sind, sondern sehr direkt und zugänglich. Gleichzeitig passieren auf der Platte ganz viele Dinge, die man erst nach und nach entdeckt. Auch komplizierte oder ungewöhnliche Ideen sollte man im Idealfall klar und verständlich formulieren. Wir wollten zwei Extreme zusammenbringen, indem wir experimentelle Dinge als Pop fassen.

uMagazine: Dann ist Pop für dich gar kein schmutziges Geschäft?

Jack Barnett: Der Begriff meint ja nicht nur Ed Sheeran oder irgendwelche unaufrichtige Musik, die für die Streamingdienste designt wird. Wobei ich jetzt gar nicht gegen bestimmte Formate wettern und die Vergangenheit verklären will. Auch in der Zeit, in der wir gerade leben, kann man viele spannende Dinge auf die Beine stellen. Das Album „Hounds of Love“ von Kate Bush ist für mich das perfekte Beispiel für ein gutes Popalbum: Es ist eingängig und experimentell, klar und mysteriös zugleich. Während wir mit These New Puritans zuletzt vor allem am Albumkontext interessiert waren, wollten wir bei „Inside the Rose“ beides: Es ist ein zusammenhängendes Werk, aber die Songs sollten auch für sich allein stehen können.

uMagazine: Die Melodien von Stücken wie „Beyond black Suns“ und „Where the Trees are on Fire“ sind unglaublich verführerisch. Gleichzeitig muss man aber auch dafür bezahlen, dass man sich auf sie einlässt: Man wird in eine düstere Welt gezogen, in der man mit Dingen konfrontiert wird, denen man sich womöglich nicht freiwillig gestellt hätte.

Jack Barnett: Das gefällt mir. (lacht) Dir ist schon klar, dass man für alles bezahlen muss? Die Kompositionen speisen sich ja auch aus meinem Unterbewusstsein, „Where the Trees are on Fire“ habe ich beispielsweise geträumt.

uMagazine: Wie genau ist das passiert?

Jack Barnett: Eine Zeit lang habe ich ständig Musik geträumt – nur konnte ich mich morgens an nichts mehr erinnern. Also habe ich Aufnahmegeräte neben meinem Bett postiert, und wenn ich nachts wach geworden bin, habe ich die Träume direkt vertont. Morgens war das dann in der Regel sehr ernüchternd, da ich viele Sachen eingesungen habe, die an altbackende Rocksongs oder ganz schlimme Powerballaden aus den 80ern erinnert haben. Aber eines Tages war eben auch „Where the Trees are on Fire“ auf den Bändern, und ich erinnere mich noch ganz genau an den Traum: Ich bin mit meinem Zwillingsbruder George und einem alten Freund aus der Kindheit durch das Marschland in Essex gelaufen, und plötzlich hat mein Freund ganz aufgeregt auf die Bäume gezeigt. Als ich hingeschaut habe, setzte wie im Musical die Musik ein.

 

 

uMagazine: Hattest du keine Angst?

Jack Barnett: Warum? Ich muss gestehen, dass ich anfangs ein bisschen zögerlich war, die Aufnahme zu bearbeiten, obwohl ich sogar den ursprünglichen Text und auch die Melodie beibehalten habe.

uMagazine: Die brennenden Bäume sind ja ein eher bedrohliches Symbol, und wenn man an den brennenden Busch denkt, hat es auch einen religiösen Bezug.

Jack Barnett: Diese Bezüge sind dann vielleicht der Preis, den ich für dieses Stück zahlen muss. (lacht) Tatsächlich bin ich der Meinung, dass es einer besten Songs ist, die ich je geschrieben habe.

uMagazine: Was hat es damit auf sich, dass der feste Kern von These New Puritans jetzt nur noch aus dir und deinem Zwillingsbruder George besteht?

Jack Barnett: Die anderen sind ausgestiegen, und ich betrachte die Zweierformation durchaus als Vorteil, weil wir so intensiver arbeiten können. Was ja nicht heißt, dass wir nicht auch sehr eng und langfristig mit anderen Musikern arbeiten. Der Kontakt zu André de Ridder aus Berlin und seinem Stargaze-Ensemble war für die Platte extrem wichtig. Sie haben uns für die Aufnahmen der Streicher mehr Zeit als üblich zugebilligt, und man hat gespürt, dass sie sich für das Projekt begeistert haben. Ansonsten sitzen Klassikmusiker ja leider allzu oft mit grimmigen Mienen hinter ihren Instrumenten.

uMagzine: Aber Stargaze waren nicht der Grund, für mehrere Jahre nach Berlin zu ziehen und die zweite Hälfte der Aufnahmen im Funkhaus Nalepastraße zu absolvieren?

Jack Barnett: Um kreativ zu sein, muss ich meine Routinen verändern und meine Instinkte neu sortieren. Weil ich um mich herum nicht viel verstanden habe, konnte ich mich mehr wie ein Kind fühlen und naiver sein. Trotzdem ist „Inside the Rose“ keine Berlin-Platte. Ich wage zu behaupten, dass ein ganz ähnlich Werk rausgekommen wäre, wenn ich mich für Japan oder Mexiko entschieden hätte.

 

 

uMagazine: War es ein Pro-Argument, dass die Umstände in dem Studiokomplex nicht allzu komfortabel sind?

Jack Barnett: Ach was, wenn ich könnte, würde ich sofort mit Kanye West tauschen. Da ständig irgendwelche Bauarbeiten waren, bin ich erst aufgestanden, wenn die Arbeiter Feierabend gemacht haben. Wir mussten mehrmals den Studioraum wechseln, da unser Gebäude restauriert und teilweise abgerissen wurde. Jetzt mag ich aber den Gedanken: Der Ort, wo ein Großteil unserer Musik entstanden ist, existiert heute nicht mehr.

uMagazine: Außerdem hattest du spannende Nachbarn.

Jack Barnett: Durch etwa Mouse On Mars war die Umgebung mystisch aufgeladen, aber direkte Auswirkungen auf meinen Alltag hatte das eher nicht. Auch Nils Frahm habe ich erst gegen Ende meiner Berliner Zeit getroffen. Entscheidender war eher, dass ich noch die Zeit erlebt habe, als man in dem Café auf dem Gelände ein Mittagsessen für einen Euro bekommen hat. Mittlerweile kommen die Leute ja extra aus Kreuzberg, um an diesem hippen Ort einen Kaffee zu trinken.

uMagazine: Letztes Jahr hat euer Debütalbum das Zehnjährige gefeiert. Was vermisst du, wenn du an den 18-jährigen Jack denkst, der mit „Beat Pyramid“ die Musikszene auf links gedreht hat?

Jack Barnett: Damals war ich so sehr von mir und meinen Ansichten überzeugt. Für meinen kreativen Prozess war es in den Folgejahren natürlich auch extrem wichtig, die eigene Dummheit zu erkennen. Trotzdem vermisse ich diese besessene Energie, mit der wir damals gegen die wahnsinnig konservative, auf Gitarrenmusik fixierte Szene in London gekämpft haben. Aber wenn ich die Wahl hätte, würde ich noch weiter zurückgehen: Ich wäre gern noch einmal der zwölfjährige Jack, der nach der Schule nach Hause kommt und ohne rationale oder intellektuelle Selbstkontrolle einen Song schreibt.

These New Puritans • Album

Künstler: These New Puritans
Titel: Inside the Rose
Label: Infectious Music
VÖ: 22.03.2019

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