Udopium fürs Volk

Interview Steffen Rüth

Mit 72 ist noch lange nicht Schluss – schließlich ist Udo Lindenberg alterlos, naturhigh und vor allem: Gegen die Langeweile der deutschen Musik.

uMagazine: Udo, du ziehst an einem Stäbchen, das vorne leuchtet. Bist du etwa auf E-Zigarre umgestiegen?

Udo Lindenberg: Ich rauche sowohl als auch. Nur nicht mehr 15 Zigarren am Tag. Mit der Stimme bin ich gerade sehr zufrieden, die ist schön rau, dank Whisky und Kuba-Zigarren. Aber sie darf auch nicht zu rau sein, deshalb muss ich genau dosieren.

uMagazine: Auch den Alkohol?

Udo Lindenberg: Gerade den Alkohol. Die Ballerei nach der Mengenlehre, die ist lange vorbei. Ich brauche nicht mehr viel, mein Eierlikör ist voll ausreichend. Ansonsten bin ich naturstoned. High werde ich bei meinen Konzerten und den ganzen Abenteuern, die ich mit meiner Musik erleben darf. Das ist auch wie eine Droge, und diesen Rausch auf der Bühne, den kann ich heute auch richtig genießen. Mit Alkohol in Mengen wirst du rund und langsam und haust dich nur noch in die Ecke. Ich wollte kein Rock’n’Rollmops werden und so enden wie Elvis in Las Vegas.

 

uMagazine: Wie lange willst du den Job noch machen?

Udo Lindenberg: Ich habe den Leuten versprochen, dass ich noch 30 Jahre am Start bin.

uMagazine: Das sagst du seit Jahrzehnten.

Udo Lindenberg: Ja, denn in 30 Jahren ist die Medizin so weit, auch mit Lebensverlängerungspille, dass man dann wieder 30 Jahre dranhängen und die 130 als neues Ziel ausrufen kann. Ich kann die Leute ja auch nicht hängen lassen, sie brauchen ihr Udopium und ihren neuen Stoff.

uMagazine: Jetzt bekommen sie „MTV Unplugged 2“. Ist es für dich jedes Mal wieder ein neues Abenteuer, mit einem frischen Projekt in See zu stechen?

Udo Lindenberg: Oh ja. Mit dem Dreimaster auf den Atlantik raus zu segeln, hier und da ein paar Freigeister aufzunehmen, das war herrlich. Ein paar Leute, die ich schon ein bisschen kannte, wie Gentleman oder Marteria, die kommen dann an Bord und tragen ihren Teil bei, rappen vielleicht eine Strophe. Oder Maria Furtwängler: Das war echt ein Abenteuer und ein schönes Ding.

uMagazine: Du blickst auf der „Unplugged“ noch mal ein bisschen zurück auf deine frühen Lieder wie „Hoch im Norden“. Du hast das sozusagen erfunden, die Popmusik mit intelligenten deutschen Texten. Kann man sagen, du schwelgst zugleich in Nostalgie und bist mittendrin im Jetzt? Als taufrische Legende?

Udo Lindenberg: Ja, das läuft alles gleichzeitig. Ich rieche auch manchmal an meiner Haut, ob sie schon nach Denkmal riecht. Aber nein, sie duftet nach frischer Lindenblüte. Sicher, viele sehen in mir so eine alte Legende. Doch ich selbst fühle mich eher als ein New Beginner. Du weißt ja bei jedem neuen Projekt vorher nicht, wie es wird. Ich bin da wie ein Entdecker, der durch die Nebelwand segelt, wie ein James Cook oder Vasco da Gama. Auch die Astronauten sind meine großen Vorbilder.

uMagazine: Du willst auch ins All?

Udo Lindenberg: Ja, würde ich gerne. Mit dem Alexander Gerst, der wie ich auch Unicef unterstützt, habe ich neulich eine coole Korrespondenz gehabt. Er meinte: Komm‘ doch mal an Bord. Bei dem Schleudertest dürfte ich keine Schwierigkeiten haben. Ich bin im Leben schon gut rumgeschleudert, das könnte hinhauen. Wer weiß, vielleicht landet das junge Talent Udo auch mal im All.

uMagazine: Bist du ein Mittzwanziger im Körper eines 72-Jährigen?

Udo Lindenberg: Diese irdische Zeitzählung ist nichts für mich. Bei anderen Leuten in meinem Alter denke ich immer: Das ist eine ganz andere Generation. Ich bin zeitlos. Man nennt mich auch den Elasto-Man. Ich bin grazil wie eine Gazelle, die Kondition ist exzellent. Yoga, Liegestütze, autogenes Training mache ich. Ich bin ein biologisches Wunder. Ich habe eine ostasiatische Genetik.

uMagazine: Bitte was?

Udo Lindenberg: Meine Ur-Ur-Ur-Großmutter kam aus Batavia, dem heutigen Jakarta in Indonesien. Das war damals eine holländische Kolonie, und sie wurde irgendwann als Sklavin nach Holland gebracht. In meinem Körper fließt Sklavenblut. Deswegen bin ich auch so ein proletarischer Hund und will die Paläste zurück. Ich meine, ich wohne im Hotel Atlantic, das ist ein Palast, und das steht den Sklaven jetzt auch zu.

uMagazine: Du erinnerst in deinem neuen Lied „Wir ziehen in den Frieden“ an die alten Hippie-Tugenden von Love & Peace. Glaubst du noch an diese alten Utopien der 60er?

Udo Lindenberg: Ich bin überzeugt, dass wir solche Visionen brauchen. Keine Grenzen, keine Mauern, sondern Menschenketten, das ist mein Traum. Wir müssen so viel machen: Wir müssen die Ozeane retten, wir müssen den Klimawandel hinbekommen, wir brauchen Geld für unsere Sozialsysteme. Das sind natürlich Visionen, aber ich weiß auch, dass viel gelingen kann. Woodstock hat mit dazu beigetragen, dass der Vietnamkrieg endete. Die Bürgerrechtsbewegung mit Martin Luther King, in Deutschland die Bewegungen für mehr Umweltschutz und zuletzt die Aktivisten im Hambacher Forst: Es ist geil, wenn Leute losziehen und für etwas eintreten. Neulich waren 300.000 Menschen in Berlin auf der Straße und haben für kulturelle Vielfalt und Weltoffenheit und gegen Abschottung demonstriert.

uMagazine: Die Deutschen würden dich wahrscheinlich auch als Kanzler wählen.

Udo Lindenberg (grinst): Kann sein. Allerdings bin ich für den Job noch zu jung.

uMagazine: Wärst du lieber Bundeskanzler oder Bundespräsident?

Udo Lindenberg: Lieber Präsident. Der Job ist recht easy. Kanzler ist zu hart, da muss man auch immer früh aufstehen – das ist nicht so mein Ding. Ich wäre gern ein ausgeschlafener, tiefenentspannter Präsident. Aber ich muss erst noch ein bisschen reifen (lacht).

uMagazine: Kannst du dir eigentlich einen Udo Lindenberg als Rentner vorstellen?

Udo Lindenberg: Nö, überhaupt nicht. Das ist eine ganz andere, mir fremde Welt. Richtige Rocker gehen nicht in Rente.

uMagazine: Du hast ja viele junge Kollegen bei deinem Unplugged-Konzert dabei. Wachsen genug verrückte Künstler nach?

Udo Lindenberg: Nee, leider nicht. Die meisten sind langweilig, richtig langweilig. Textlich passiert nichts Besonderes, nichts mit Rebellion, nichts mit neuen Visionen. Da ist sehr viel seichtes Zeug dabei, die milde Sorte, langweiliges Pop-Zeugs. Auch Straßenrap ist ja mehr so für picklige kleine Jungs auf dem Schulhof gemacht. „Ey, ich fick‘ die Mutter“: Das ist ja traurig, dass es so was gibt. An Beknacktheit ist das nicht zu überbieten, so ein Rap, el primitivo, nein. Wie daneben kann man sein?

uMagazine: Welche Rapper findest du gut?

Udo Lindenberg: Marteria, Max Herre, Fanta Vier, das höre ich alles. Auch SXTN, ich muss ja informiert sein und interessiere mich logo für krasse Texte. Aber in der Tat gibt es nicht genug krasse Sachen, auch Rock’n’Roller wachsen nicht nach. Und wenn keiner da ist, tja, dann stellt sich die Frage: Muss ich auf meine alten Tage noch mal ran? Und die Antwort: Ja, muss ich.

Udo Lindenberg • Album

Künstler: Udo Lindenberg
Titel: MTV Unplugged 2 – Live vom Atlantik
Label: Warner Records
VÖ: 14.12.2018

Leseempfehlungen

Arschcool: Amyl And The Sniffers

Boris: Boris: Neues Album „LφVE & EvφL“ und Reissues im Sommer