„Plötzlich klang alles so groß“

Natalie Mering legt als Weyes Blood mit dem Artpop-Meisterwerk „Titanic rising“ eines der besten Alben des laufenden Jahres vor.

kulturnews: Natalie, dein viertes Album als Weyes Blood trägt den Titel „Titanic rising“. Hast du damals den Film von James Cameron gesehen?

Natalie Mering: Na klar, mehrmals. Als kleines Mädchen habe ich im Kino um Leonardo DiCaprio geweint und konnte ja noch nicht ahnen, dass das eigentliche Drama erst mit dem Verschwinden der Eisberge beginnt. Ich war so naiv zu glauben, dass die Überheblichkeit der Menschen an ihre Grenzen stößt. Wenn heute im Zuge der globalen Erwärmung die Polkappen schmelzen, wünsche ich mir die Sorgen meiner Kindheit in den 90ern zurück.

 

 

kulturnews: Trotz der düsteren und apokalyptischen Texte klingt „Titanic rising“ hoffnungsvoller als all deine Platten zuvor.

Mering: Gerade weil ich eine so große Skeptikerin bin, war es mir bei dieser Platte wichtig, auch optimistische Töne zu finden. Ich versuche mich selbst davon zu überzeugen, dass das gar keine schlechte Rolle für mich ist. In einer Welt, in der alle sinnstiftenden Systeme gescheitert sind und keine Orientierungspunkte mehr bieten, laufe ich dank meines großen Misstrauens immerhin nicht Gefahr, bei der Suche nach Hoffnung auf einfache Antworten und falsche Versprechen reinzufallen. (lacht)

kulturnews: Der Song „Something to believe“ thematisiert diese Leere, die es zu füllen gilt.

Mering: Ich bin in einem religiösen Umfeld aufgewachsen, und obwohl ich sehr froh bin, mich daraus befreit zu haben, trage ich diese Sehnsucht nach einem für mich funktionierenden Glaubenssystem mit mir herum. Das Gemeinschaftsgefühl hat etwas Wärmendes, aber auch etwas sehr Gefährliches. Wie gesagt, ich bin da sehr misstrauisch.

 

 

kulturnews: Das Album wird von dem Song „A lot’s gonna change“ eröffnet, der in musikalischer Hinsicht ja durchaus programmatisch zu verstehen ist.

Mering: Ich habe mir ausreichend Zeit genommen, um die Platte aufzunehmen, die ich wirklich machen wollte. Gerade im Hinblick auf die Streicherarrangements hat das wirklich Mut gekostet. Plötzlich klang alles so groß, und ich war verwirrt, weil es gar nichts mehr mit einer Indieplatte und dieser Shoegazer-Haltung zu tun hat. In der Vergangenheit habe ich mich viel zu sehr darum gekümmert, ob meine Musik bei diesem 70er-Songwriter-Ding einsortiert oder vielleicht einer 90er-DIY-Bewegung zugerechnet wird. Ich habe mich gefragt, ob ich mit zu komplizierten Melodien arbeite, und ich bin froh, dass ich genügend Selbstvertrauen hatte, um keinen Rückzieher zu machen.

kulturnews: Sind die Streicher bei den Songs „Andromeda“ und „Everyday“ besonders wichtig, um unserem Beziehungselend mit Tinder und all den anderen Datingapps auch ein bisschen Zuversicht abzutrotzen?

Mering: Auch bei diesem Thema gibt es positive und negative Aspekte. Letztlich ist eine radikale Neujustierung immer auch eine Chance, und es ist auf jeden Fall ein Vorteil, dass gewisse Abhängigkeiten unserer Elterngeneration kein Thema mehr sind. Diese Fixierung auf einen Liebespartner fürs Leben hat viel Schaden angerichtet.

 

 

kulturnews: Dann ist das Outro von „Everyday“ gar nicht apokalyptisch, sondern signalisiert eher ein offenes Ende?

Mering: Schwer zu sagen, aber das offene Ende klingt passender. Mit gerade mal 30 habe ich keine Antwort darauf, und ich sortiere mich gerade neu. Es würde mir nie einfallen, meine Umabhängigkeit aufzugeben, aber vielleicht gibt es ja wirklich einen akzeptablen Mittelweg. Die Tatsache, dass wir nicht mehr von einem Partner für die Ewigkeit ausgehen, verbessert die Qualität von Beziehungen. Man wagt, sich offener zu zeigen, und man tendiert auch stärker dazu, den anderen so zu akzeptieren, wie er ist. Das sind ja schon mal keine schlechten Voraussetzungen.

 

Weyes Blood kommt für zwei Konzerte nach Deutschland und stellt „Titanic rising“ am 27.4. in der Berghain Kantine in Berlin und am 28.4. im Hamburger Uebel & Gefährlich live vor.

Weyes Blood • Album

Künstler: Weyes Blood
Titel: Titanic rising
Label: Sub Pop
VÖ: 05.04.2019

Leseempfehlungen

Hot Chip: Hot Chip: Neues Album „A Bath full of Ecstasy“ und Songs für Katy Perry

Amanda Palmer: Amanda Palmer: Tour im September