Hüllen los!

You Me At Six machen sich musikalisch nackig und präsentieren sich endlich nicht mehr als Schwiegermuttis Stadionrock-Lieblinge. Oder wie Sänger Josh Franceschi sagen würde: ohne Bullshit.

MySpace, das war mal ein Megahype, ein ultracooles soziales Netzwerk, mit den neuesten heißen Sounds und zeitweise mehr als 200 Millionen Mitgliedern weltweit. Bands wie You Me At Six oder Arctic Monkeys veröffentlichten ihre Demotapes dort und wurden quasi aus dem Nichts und ohne Plattenvertrag berühmt. Im Gegensatz jedoch zu MySpace, das seit 2010 von Rang 16 der meistgeklickten Seiten im Netz auf einen Rang irgendwo in den 3 000ern abgerutscht ist, sind besagte Bands heute noch relevant – auch, weil sie sich rechtzeitig weiterentwickelten.

„Wenn du nicht authentisch bist, können die Leute den Bullshit riechen.“

Josh Franceschi

You Me At Six, das waren nach einer kurzen Emo-Phase zu Beginn über lange Zeit die Stadionrocker, die Nummer-Sicher-Hymnusknaben mit den angenehm, bloß nicht zu wild schrubbenden Gitarren, den erdigen Chorälen und dem blitzsauberen Image. Nun fangen die Jungs aus Surrey als gestandene Männer nicht an, Möbel aus Hotelfenstern zu werfen oder sich das Koks kiloweise zu bestellen, aber sie haben auch eines kapiert: Sich selbst immer nur zu reproduzieren, das macht niemanden glücklich, am wenigsten die Künstler. Sänger Josh Franceschi bringt es auf den Punkt: „Du musst Musik für dich selbst machen, denn wenn du nicht authentisch bist, können die Leute den Bullshit riechen.“

 

Der Zuckerguss ist runter

 

Aber was heißt das nun genau, authentisch sein? Für You Me At Six bedeutet es: Die Gitarren bleiben schön da, wo sie hingehören, tief gestimmt und edgy. So weit, so gewohnt. Doch der Rest des Sounds auf „IV“ dürfte eingeschworene Feuerzeug-Mitschwenk-Fans leicht (wirklich nur leicht) irritieren. Der Zuckerguss, der das 2017er Album „Night People“ noch überzog, ist runter, die Songs klingen angriffslustig, modern und groovy, die neue Attitüde ist in jeder Note spürbar, zuallererst im Gesang. Josh Franceschis Stimme klingt endlich nicht mehr nach Schwiegermutterliebling, sondern eher nach dem langhaarigen Typen mit der abgeranzten Lederjacke, mit dem dich deine Mutter im Leben nicht aus dem Haus gelassen hätte. You Me At Six strotzen vor neuem Selbstbewusstsein, nachdem sie alte Hüllen abgestreift haben. Darunter übrigens auch ihr MySpace-Profil.

Live ab 15. 1. 2019

Tickets für die Konzerte gibt es zum Beispiel hier bei Eventim.

YouMeAtSix • Album

Künstler: YouMeAtSix
Titel: IV
Label: Underdog Records
VÖ: 05.10.2018

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