Zaz im Abenteuerland

Die quirlige Französin ist wieder in Experimentierlaune. Ihr gewagtestes Projekt: Urlaub.

Stillsitzen ist nicht ihr Ding. Küsschen links, Küsschen rechts, und dann huscht Zaz erst mal an einem vorbei, um sich draußen auf der Straße schnell noch eine Kippe anzuzünden. Eine rauchen? Noch beim letzten Gespräch hatte Zaz, die vor 38 Jahren in Tours zur Welt kam und den Großteil ihres Erwachsenenlebens in Paris gelebt hat, mit gewissem Stolz behauptet, sich die Qualmerei abgewöhnt zu haben. „Rauchen ist doof, aber ohne Rauchen war es auch nicht so schön“, flötet Zaz, bürgerlich Isabelle Geffroy, nach ihrer Rückkehr ins Interviewräumchen. „Ich würde mir ja so sehr wünschen, ich könnte ein oder zwei Zigaretten am Tag rauchen, aber auch das funktioniert nicht. Ich bin ein Ganz-oder-gar-nicht-Mensch. In meinen Entscheidungen bin ich gern radikal, aber nicht wirklich sehr konsequent.“ In Bezug auf ihren Tabakkonsum bedeutet das: „Entweder ich lasse es ganz, oder ich rauche anderthalb Päckchen am Tag.“

Zum Glück für alle Freunde ihrer erfrischenden und unorthodoxen Mixtur aus Chanson, Salsa, Rock, Jazz und Pop beschränkt sich Zaz‘ Lebenseinstellung nicht nur aufs Rauchen, sondern erstreckt sich auch ausdrücklich auf ihren kreativen Drang. Und so hat die Sängerin zwei Jahre nach dem eher gefälligen Cover-Album „Paris“ jetzt mit „Effet Miroir“ eine Songkollektion aufgenommen, die in all ihrer Vielseitigkeit und dem kreativen Ideenreichtum wirklich in die Vollen geht. Zaz malt 15 Lieder lang musikalisch mit allen Farben. „Jedes Stück dieser Platte ist komplett eigenständig“, sagt sie. „Und das heißt auch: Keines ist überflüssig.“ Zaz liebt nun mal sehr viele und sehr unterschiedliche Stile, und bei den Aufnahmen in Belgien hat sie in dem Produzenten Jo Francken ein Verbündeten gefunden. „Wir hatten unverschämt viel Spaß dabei, das Zaz-Universum in all seinen Tiefen und Winkeln zu erforschen und auch ganz neue Schattierungen herauszuholen.“ Was aber hat der Albumtitel zu bedeuten? „In den Songs geht es häufig darum, sich selbst den Spiegel vor den Körper zu halten und einen kritischen, aber nicht unbarmherzigen Blick auf sich selbst zu werfen. Das Ziel ist dabei, sich besser kennenzulernen und zu schauen, was die Beziehungen, die man aufbaut oder auch gegen die Wand fährt, über einen selbst aussagen.“

Die schmissge Uptempo-Single „Qué Vendra“ betritt noch relativ gewohntes Gebiet und erinnert in ihrer hemmungslosen Lebensverliebtheit an Zaz‘ Durchbruchshit „Je veux“. Und während auch „J’aime j’aime“ den bunten Seiten des Lebens huldigt, wird es in „Mes souvenirs de toi“ oder dem extrem persönlichen „Ma Waltz“, auf dem sich Zaz unter anderem zu ihrem Kinderwunsch („Ich werde Mutter sein, egal wie“) bekennt, sehr ruhig, sehr schön – und extrem schonungslos. „,Ma Waltz‘ ist nachts um fünf Uhr entstanden“, erinnert sie sich. „Dieses Lied mit so viel Text zu schreiben, fühlte sich an wie ein Spaziergang mit einer aufgescheuerten Blase am Fuß. Trotzdem: Es war ein Moment der künstlerischen Gnade.“ Besonders mächtig und orchestral produziert und somit ungewöhnlich für Zaz ist „Résigne moi“. Im abschließenden „Laponie“ sprechsingt sie sogar erstmals auf die Pianomelodie eines guten Freundes und berichtet von ihrem fünftägigen Urlaub in Lappland. Ja, richtig gelesen: Urlaub. „Ich dachte, das will ich mal ausprobieren, dieses Reisen ohne Tun. Ich war auch in Island, einfach, weil ich den Norden noch nicht kannte. Und eigentlich sollte die Pause länger dauern: Nach sechs oder sieben wilden Jahren wollte ich – wie man so sagt – auftanken. Nur hat das leider nicht geklappt.“ Zaz hat festgestellt, dass der Tank noch gut gefüllt und sie weiterhin heiß auf alles ist, was sich nicht vorhersehen lässt. „Durch ‚Je veux‘ und alles, was seitdem passiert ist, habe ich viel mehr Geld als nötig verdient“, sagt sie. „Aber ich halte nichts davon, Reichtum anzuhäufen. Ich habe keine Angst, Geld zu verdienen, aber ich fürchte mich auch nicht davor, es wieder auszugeben.“ Sie hat ein Bürgerfestival in der Ardeche ins Leben gerufen, das sie als eine Investition ohne Profit bezeichnet, und im nächsten Jahr will Zaz etwas Vergleichbares in Moskau organisieren. „Es geht darum, die Menschen an etwas zu beteiligen. Aufbruchstimmung erzielst du nicht, wenn ein Politiker davon spricht, sondern dann, wenn du dich selbst engagierst, die Leute zusammenbringst und gemeinsam mit ihnen feierst. Ich bin heiß auf jedes neue Abenteuer.“

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Zaz • Album

Künstler: Zaz
Titel: Effet Miroir
Label: Warner Records
VÖ: 16.11.2018

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