Ry X bleibt auf der Matte

Nachdem „Berlin“ zum Hit wurde, bekam er unmoralische Angebote. Doch als Australier weiß Ry X damit umzugehen.

Carsten Schrader: Ry, nach Alben mit The Acid und Howling hast du es endlich geschafft, dein Solodebüt als Ry X aufzunehmen.

Ry Cuming: Eigentlich war es ein Unfall, dass die erste EP so viele Leute erreicht hat und „Berlin“ zum Hit wurde. Für ein Album war ich noch nicht bereit, da ich selbst noch gar nicht wusste, in welche Richtung ich gehen will.

Carsten Schrader: Dabei ist „Dawn“ ja gar nicht dein erstes Album. Bereits 2010 hast du als Ry Cuming eine Platte veröffentlicht und warst sehr prominent mit Maroon 5 auf Tour.

Ry Cuming: Unmittelbar nach der Tour habe ich aber einen radikalen Schlussstrich gezogen. Die Musikindustrie hat mich regelrecht angewidert, und auch heute noch will ich so wenig wie möglich mit ihr zu tun haben. Ich musste aus diesen Strukturen raus, bin für ein paar Monate auf eine Insel nach Indonesien gezogen und habe mit Yoga und Meditation einen Selbsterkundungstrip durchgezogen. Das klingt wahnsinnig klischeemäßig, war aber total wichtig, da mir klar wurde, dass ich nur weiter Musik machen kann, wenn ich mein Ego in den Griff bekommen. Als ich dann nach Kalifornien zurückgekehrt bin, konnte ich ganz offene und ehrliche Songs schreiben, ohne auf den schnellen Erfolg zu spekulieren. Deswegen der Neuanfang als Ry X.

Carsten Schrader: Funktioniert das denn jetzt immer noch, nachdem „Berlin“ und „Howling“ so erfolgreich waren und viele mit großen Erwartungen dem Album entgegen fiebern?

Ry Cuming: Die Art und Weise, wie der Erfolg zustande gekommen ist, bestätigt mich ja. „Howling“, das ich zusammen mit Frank Wiedemann aufgenommen habe, ist ja über die Berliner Clubszene zum Hit geworden. Wir hatten keine Plattenfirma und keine Promotionstrategie. Und mit der „Berlin“-EP war es kurz darauf ähnlich: Das einzige, was gezählt hat, war die Musik. Aber es stimmt natürlich schon, dass „Dawn“ ein Balanceakt ist. Wäre ich nur mir selbst gegenüber ehrlich gewesen, hätte ich ein Ambientalbum gemacht, auf dem meine Stimme nicht zu hören gewesen wäre, sondern nur Drones und Soundscapes. Aber natürlich weiß ich, dass viele Leute gerade meinen Gesang schätzen, und so habe ich mich an die Vermittlungsarbeit gemacht. Was noch lange nicht heißt, dass ich Erwartungen bedient habe, und meiner Meinung nach sind auch keine Radiosingles dabei.

Carsten Schrader: Es überrascht, wie reduziert das Album über weite Strecken geworden ist.

Ry Cuming: Ich wollte in diesen ursprünglichen Zustand von Indonesien zurück – was sehr schwierig war, da ich in den letzten Jahren fast ununterbrochen mit Howling und The Acid um die Welt getourt bin. Auf Festivals haben wir oft erst um 3 Uhr morgens gespielt, und ich bin über Wochen fast ohne Schlaf ausgekommen. Ich hätte auch erwartet, dass das Album viel elektronischer wird, aber dann bin ich in die kalifornischen Berge gezogen, und plötzlich war eine hippe Produktion scheißegal. Gezählt haben nur noch die Songs, und da ergeben eben vor allem Gitarre und Klavier Sinn.

Carsten Schrader: Wärst du noch bei einer großen Plattenfirma, könnten sie dir einen Sticker aufs Album kleben, auf dem „authentisch“ steht.

Ry Cuming (lacht): Stimmt, das Wort ist mittlerweile genau so überstrapaziert und bedeutungslos wie „organic“. Majorlabels beschäftigen Autorenteams, die den ganzen Tag authentische Songs für andere Musiker schreiben. Sia ist eine gute Freundin von mir, und sie hat mal gesagt: Komm, Ry, ich will Geld verdienen, lass uns doch einfach Popsongs für Britney Spears schreiben. Ich will das gar nicht verurteilen, denn als ich sie ein Jahr später wieder getroffen habe, hatte sie bereits mit Leuten wie Rihanna oder David Guetta gearbeitet – und sie war glücklich damit. Trotzdem war ich über ihren Vorschlag entsetzt, weil ich den Anspruch habe, Kunst zu machen.

Carsten Schrader: Hast du keine Angst davor, dein Seelenheil zu sehr von der Musik abhängig zu machen?

Ry Cuming: Wenn ich nur die Musik hätte, wäre ich anfällig. Mit Musik allein bekommt man sein Leben nur sehr selten auf die Reihe, weil das ganze Umfeld so absurd ist. Aber ich habe das Surfen, das für mich genauso wichtig ist wie die Musik. Und ich reise nie ohne Yogamatte.

 

 

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