Contemporary Music

Beach House: Schwarz ist die Hoffnung

Victoria Legrand und Alex Scally vom Dreampopduo Beach House haben ihr neues Album „7“ natürlich nicht im Großraumbüro geschrieben. Trotzdem sehnen sich manchmal genauso nach Kollegen, Kaffeemaschinentratsch und Routine, wie nach der Angst, die sie brauchen, damit Kunst entsteht.

Was Beach House so machen, wenn sie sich unbeobachtet fühlen: im Konferenzraum ihrer Berliner Plattenfirma am Fenster kleben und das Treiben im Großraumbüro gegenüber begutachten. „Sieh mal“, sagt Victoria Legrand und lenkt die Aufmerksamkeit ihres musikalischen Partners Alex Scally auf einen kleinen Nebenraum, in dem gerade das Licht ausgeht, „die beiden, die vorhin erst gekommen sind, gehen jetzt auch schon wieder zusammen.“ Nicht einmal ertappt fühlen sie sich, als sie bemerken, dass sie nicht mehr alleine sind – auch wenn Scally eine Erklärung für angebracht hält. „Wir beobachten die da drüben schon den ganzen Tag, und weil keiner von uns auch nur einen einzigen Bürotag erlebt hat, romantisieren wir voller Neid das Blubbern der Kaffeemaschine, die kleinen Running Gags und die Solidaritätsbekundungen, wenn man seinem Schreibtischnachbarn einen Kaffeebecher mitbringt“, erklärt der Gitarrist mit breiten Grinsen.

 

Ausgelassen bleibt die Stimmung auch, als es um das neue Album des Dreampopduos aus Baltimore geht. „Unterbewusst hatten wir schon seit mindestens zwei Platten gespürt, dass wir uns mit unseren eigenen Regeln und der Routine selbst im Weg stehen. Natürlich hat es uns noch Spaß gemacht, und es hat ja auch funktioniert – aber wenn etwas funktional ist, dann ist es eben auch nicht wirklich aufregend“, erklärt Legrand die Ausgangslage, die sie bei „7“ per Bruch mit den Gewohnheiten zu einer radikalen Verjüngungskur geführt hat: Erstmals haben sie sich bei den Aufnahmen nicht um die spätere Reproduzierbarkeit auf der Bühne geschert, und statt sich mit einem Produzenten für längere Zeit in einem Studio zu verbarrikadieren, sind die Songs während kleinerer Einheiten in Eigenregie entstanden. „Natürlich wird es mit dem Alter schwieriger, Sachen zu wagen, die man nie zuvor ausprobiert hat, aber wenn ich mich dazu entscheide, Kunst zu machen, sehne ich mich doch danach, Angst zu haben“, sagt Legrand. „Zumal sich das Jungsein mit grauen Haaren und ohne Zähne auch sehr viel besser anfühlt: Wenn du dich nicht mehr auf deinen Körper verlassen kannst, bist du einfach dazu gezwungen, ein interessanter Mensch zu sein.“

Doch so aufregend anders Beach House auf der neuen Platte auch klingen und mit Songs wie „Pay no Mind“ etwa auch Cure-Referenzen nicht scheuen – noch spektakulärer sind die mutmachenden Botschaften, mit denen sie in den Texten ihre Trademark-Melancholie durchsetzen. „Natürlich verfolgen auch wir die Nachrichten, und es geht auch ganz bestimmt nicht um eine Flucht, wenn wir der Dunkelheit eine andere Dunkelheit entgegenstellen“, erklärt Legrand. „Auch angesichts all der Tiefschläge der letzten Monate blicke ich heute optimistischer in die Zukunft als während dieses unterschwelligem Unwohlseins in den Jahren nach der Tausendwende“, springt ihr Scally bei. „Kollektive Traumata setzen nicht nur Empathie und Liebe frei, sondern auch extremere Gegenstrategien.“ Dass die vermutlich nicht in der gut geölten Maschinerie eines Großraumbüros entstehen, glauben auch Beach House. Trotzdem richtet Legrands ihre Aufmerksamkeit jetzt wieder auf das Gebäude gegenüber. „Und wenn schon? Nach den Erfahrungen mit der neuen Platte bin ich für die Tatsache sensibilisiert, dass es so viele Welten gibt, von denen ich viel zu wenig weiß.“ Punkt für die Beach-House-Sängerin.

Beach House „7“ erscheint am 11. Mai

LIVE 1. 10. Köln, 2. 10. Berlin, 11. 10. Hamburg

Tickets z. B. bei Reservix

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