Beziehungsweise Porno

Stripkurse im Fitness-Studio, Sex-Shops bei Karstadt. Du hast keinen Dildo und keine Gleitcreme? Nicht zeitgemäß! Porno ist noch nicht lange in der Popkultur angekommen, aber seine Botschaften durchziehen bereits den Alltag. Wo leben wir eigentlich? Und vor allem: Wenn Porno überall ist, was bedeutet das für unsere Beziehungen?

Ein Teil meiner sexuellen Sozialisation fand in einer muffig riechenden Stahlkabine statt. Ich warf ein 5-Mark-Stück ein, und eine Klappe glitt lautlos auf. Ich sah eine nackte Frau, die auf einer Drehscheibe zirkulierte und mir mit weit gespreizten Beinen gynäkologische Einblicke verschaffte – lebendig und live! Bisher hatte ich so etwas nur in zerfledderten Heftchen gesehen, die auf dem Schulhof herumgereicht wurden. Ob ich damals Schaden nahm an meiner 15-jährigen Seele, weiß ich nicht. Aber ich hatte etwas gelernt, was die Männer, deren Gesichter ich durch die Luken der anderen Kabinen starren sah, bereits wussten: Das war nicht sexy. Das war noch nicht einmal Sex. Das war Porno.

Pornoqueens und tolle Stecher

Um Pornos zu konsumieren, brauche ich heute nicht einmal mehr das Haus zu verlassen. Heute genügt ein Klick mit der Maus, um das Abbild eines Ficks auf den Bildschirm zu rufen, bequem, anonym, aseptisch. Und ohne jede Alterskontrolle.
Doch die Pornografisierung kommt nicht nur aus dem Internet. In hochedler Parfümreklame räkeln sich nackte Models mit halb geöffneten Lippen und ganz geöffneten Beinen, auf MTV laufen Arsch-und-Titten-Videos für die Klingeltongeneration, und Christina Aguilera schaffte es mit rhythmischer Unterleibsgymnastik sogar bis ins Feuilleton. Pornografisches und seine Anleihen sind nicht länger Bestandteil der Subkultur. Dem Bombardement dieser Bilder sind wir alle ausgesetzt, jeden Tag, jede Nacht. Porno, so scheint es, ist überall.
Doch was ist schlimm daran, wo man doch froh sein kann über das Ende von Verklemmtheit und Blümchensex? Günter Amendt, in den 70ern mit Aufklärungsbüchern wie „Sexfront“ entscheidend an der sexuellen Revolution beteiligt, stellt heute fest: „Ich beobachte diese Pornografisierung mit Abscheu. Die permanente Präsenz von pornografischen Darstellungen in den Medien nimmt Jugendlichen etwas – nämlich eigene Erfahrungen.“ *

So haben denn auch 36 Prozent der Befragten unter 30 Jahren ihren ersten Porno gesehen, noch bevor sie das erste Mal Sex hatten. Das ergab eine u_magazine-Umfrage, durchgeführt von emnid im März 2005. Die Tendenz ist deutlich – je älter, desto weniger Pornos gab’s vorm ersten Sex: Eine Generation vorher waren es nur 18 Prozent, zwei Generationen vorher verschwindende 4 Prozent, die Aufnahmen kopulierender Körper vor den ersten eigenen Erfahrungen sahen.
Doch wenn einschlägige Bilder von wippendem Silikon und 25-cm-Erektionen früher da sind als das eigene Ertasten, Erfühlen, Riechen und Schmecken, im besten Fall: das Erfahren der Empfindungen eines anderen Menschen – kann man sich diesen Rollenklischees dann überhaupt entziehen?

„Man kann davon ausgehen, dass die Flut an Sexualisierungen an der nachfolgenden Generation nicht spurlos vorbeischwappt,“ erklärt Prof. Kurt Möller, Sexualpädagoge an der Fachhochschule Esslingen. „Jugendliche müssen das Problem des Umgangs mit sexuellen Mythen bearbeiten: Kann ich als junger Mann so ein ,toller Stecher‘ sein wie der Mann im Porno – allzeit bereit, unwiderstehlich und von unglaublichem Stehvermögen? Kann ich als Mädchen dem Schönheitsideal der Pornoqueens genügen?“

Die Wissenschaft sieht das Problem, doch sie kann kaum Untersuchungen dazu vorweisen. Das liegt zum einen daran, dass es ethische Grenzen gibt – ein Forscher, der Jugendlichen oder Kindern Pornobildchen vorführt, dürfte sich schnell vor Gericht wiederfinden. Zum anderen ist die Generation der jetzt 20- bis 30-Jährigen die erste, deren Medienkonsum verstärkt von pornografisierten Inhalten geprägt ist. Und die eben ihren ersten Porno verdammt früh sah – egal, ob zufällig oder absichtlich.

Missionarsstellung? Ist nicht mehr exklusiv genug

Welche Auswirkungen der Konsum dieser Bilder hat, beschreibt Konrad Weller, Psychologieprofessor an der Fachhochschule Merseburg. „In den Medien werden Normpunkte vermittelt, wie ein Körper auszusehen hat, wie Sexualität funktioniert und wie orgastisch sie zu sein hat. Diese Darstellung kann dazu führen, dass reale Sexualität mit Ängsten befrachtet wird, dass ein Anspruch entsteht, der schwer einlösbar ist.“
Willkommen im Pornoland, wo es nicht nur ein Übermaß an Bildern gibt, sondern Versagensangst und Perfektionsanspruch gratis dazu. Das schlägt sich natürlich im Privaten nieder. „Sex ist schon das Wichtigste in einer Partnerschaft“, erklärt etwa Simone (29, Teamassistentin). „Wenn es im Bett nicht läuft, dann ist das für mich ein Trennungsgrund, klar. Nicht sofort, aber wenn die Probleme länger anhalten, dann schon.“ Und die 22-jährige Studentin Hanna sagt süffisant: „So einmal in der Woche, Missionarsstellung im Bett nach der Arbeit – das ist auch nicht mehr exklusiv genug.“

Wie geht man mit solchen Erwartungshaltungen um? Lukas (24, Student) definiert: „Liebe und Sex – das sind doch zwei verschiedene Dinge. Ich meine, ich kann eine Frau lieben, ohne mit ihr zu schlafen. Oder umgekehrt.“
Mehr und mehr erscheinen Liebe und Sex heute voneinander gelöst. Verhandlungsmoral nennen Soziologen diese Einstellung: Worauf stehst du? Worauf stehe ich? Und wann können wir uns treffen? Erlaubt ist, was gefällt und womit beide (oder eben auch: alle) Partner einverstanden sind.

„Abstand halten, keine feste Bindung wollen, verschiedene Partnerschaften gleichzeitig pflegen, Sexualität von Zärtlichkeit und geistiger Auseinandersetzung abspalten sind … Schutzmaßnahmen,“ schreibt dazu der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer.** Die Trennung zwischen Liebe und Sex, die Lukas so beiläufig vornimmt, schützt ihn vor Verletzungen, beraubt ihn aber mancher Erfahrung: „Es geht ja nicht nur darum, Sex zu haben. Es geht auch darum, sich auf einen Menschen einzulassen“, erläutert Lena (23, Bühnenbildnerin). „Nur dann hat man die Chance, eine innige und intime Zweisamkeit zu erleben.“
Dieses „Näheproblem“ ist nicht neu. Doch in einer Zeit, in der sich die Bilder zwischen uns und unsere Erfahrungen schieben, verschärft es sich. Wir sind die Generation Porno: Bei der Suche nach der eigenen Initimität dürfen wir uns dann auch noch anhören, wie bereichernd, gar therapeutisch ein Pornodreh ist. „Ich hatte schon gelernt, mit Leuten umzugehen, ich hatte auch gelernt, sexy zu sein, das hat mir alles Spaß gemacht. Aber ich glaube, ich war ein mieser Fick. Deswegen habe ich ursprünglich angefangen, und tatsächlich hat es mein Sexualleben ungeheuer verbessert“, strahlt die 27-jährige Porno-Aktrice Julie. Und auch Kopulations-Ikone Jenna Jameson schwärmt vom Freiwerden durchs Ficken vor der Kamera: „Ich war immer sehr schüchtern. Aber als die Kamera anging, lernte ich eine neue Seite an mir kennen: Ich wurde wild, der Sex war fantastisch!“ *** Danke für den Tipp, Ladys.

Sind wir durch solche rolemodels gut beraten? Zu wissen, dass mein Orgasmus filmreif ist, hilft mir nicht beim Finden des guten Hautgefühls à deux – und schon gar nicht beim Auflösen der Näheangst. Denn damit hat unsere Generation zu kämpfen. Lena: „Ich lern‘ eigentlich niemanden mehr kennen, der sich irgendwann auf eine Beziehung einlassen möchte, sondern immer nur: Sex, okay, wir können uns auch mal so treffen, aber bloß nicht zu nahe kommen. Ich merk’s auch bei mir, dass ich nichts anderes möchte. Und das finde ich interessant an dieser Zeit, dass jeder so für sich sein möchte, nicht viel aufgeben möchte von dem, was er sich drumherum aufgebaut hat.“

Pornografie ist Fiktion

Vom Thema Porno zur schwierigen Nähe und wieder zurück: Sind wir wirklich die Generation Porno? Sind wir – wenn wir es nicht hinkriegen, zwischen den Bildern, die wir sehen, und der Realität, die wir erleben, zu unterscheiden. Was wir beide im Bett (oder auf dem Küchentisch) veranstalten, das geht nur uns etwas an. Beruhigend, dass nur
3 Prozent der Befragten unter 30 Jahren sich vorstellen können, selbst in einem Porno aufzutreten.
Pornografie ist Fiktion. Wir können sie abstoßend finden, geil oder manchmal auch lächerlich. Und wir können sie nutzen, als Spielwiese für unsere sexuellen Fantasien, zur Abgrenzung oder als Anregung. 14 Prozent derjenigen, die unter 29 sind, tun das auch: Sie haben Lust, Pornoszenen im eigenen Bett nachzuspielen. Ohne Scheinwerfer, ohne Regieanweisung.
Der Close-Up auf die Genitalien ist ganz nah dran und doch weit, weit weg, weil ihm jede Intimität, jedes Persönliche fehlt. Das habe ich damals in der Stahlkabine hinterm Hauptbahnhof nur geahnt. Gewusst habe ich es nach meinem ersten Sex.

Alexander Rolf Meyer

* Interview in der [/FAZ/] vom 6. 6. 2004
** Die Angst vor Nähe, rororo
*** beide Zitate in [/Maxim/], Februar 2005

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