Contemporary Music

Clemens J. Setz: Die Ich-Maschine

Niemand jongliert derzeit spannender mit Sprache und Sinn als der Österreicher Clemens J. Setz. Mit seinem neuesten Streich: „Bot – Gespräch ohne Autor“ macht er sich sogar selbst überflüssig – und gleichzeitig unersetzlich für die Literatur 2018.

Eigentlich war ein Gesprächsband geplant: Clemens J. Setz sollte sich für sein mittlerweile achtes Buch mit der Lektorin Angelika Klammer zu einem Interview treffen. Doch der 35-Jährige ist nun mal ein Sonderling – zumindest liebt er es, sich als Freak zu inszenieren. Je euphorischer die Romane und Erzählungen des in Graz lebenden Autoren von der Kritik gefeiert werden, desto lieber betont er die Tatsache, bis zu seinem 16. Lebensjahr kein einziges Buch gelesen und stattdessen nur Computerspiele gedaddelt zu haben; und wird er nach Inspirationen für seine Texte gefragt wird, so nennt er vermeintlich trotzig Wikipedia-Artikel, sinnlose Gegenstände, zufällige Begegnungen oder die Programmierfehler eines Computerspiels. Mit Klammer hat er sich zwar getroffen – doch ergab sich daraus laut dem von Setz selbst verfassten Vorwort für „Bot – Gespräch ohne Autor“ wenig Brauchbares: „Stellen Sie sich vor, jemand redet einfach irgendwas, seitenlang. Genau so. Man muss das eben auch können, das mündliche Erzählen.“ Also kam er auf die Idee, ein Clemens-Setz-Bot zu bauen; schließlich hatte er ein gigantisches Textdokument auf seinem Rechner, das all seine Notizen von 2011 bis zum September 2017 enthielt: Klammer formuliert eine Frage, indem sie in die Volltextsuche bestimmte Reizwörter eingibt, wählt eine Textpassage als Antwort aus und formuliert davon ausgehend die nächste Frage.

Gibt es viel Nutzloses in Ihrem Tagebuch?

Im Hörbuch von Tonio Kröger, gelesen von Thomas Mann selbst, ist an einer Stelle im Hintergrund deutlich das Bellen eines Hundes zu hören. Der Königspudel!

(7.1.2016)

Wenn man sich für Thomas Mann interessiert, ist das vielleicht nicht uninteressant.

Heuballen, die jeden August auf den Sommerfeldern ausgeworfenen Knopfbatterien der Duracellhasen.

(August 2016)“

Setz’ Antworten speisen sich aus Reiseberichten, Medienrezeption, der Nacherzählung wissenschaftlicher Experimente, Romanideen, Tweets, Gedichten und immer wieder aus den Bekenntnissen eines großen Tierfreundes. Mal führt das Auseinanderlaufen von Frage und Antwort einfach nur ins Absurde, mal ergeben sich spektakuläre Ambivalenzen, und immer wieder werden bei diesem großen Lesevergnügen in den Zwischenräumen spannende Assoziationen getriggert. So wie Setz mit seinem im Jahr 2015 veröffentlichten 1000-Seiter „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ die Literatur ins Jetzt geholt hat, indem es ihm als erstem Autoren gelungen ist, gegenwärtige Kommunikationsformen wie Mails oder Chats vollkommen unaufgesetzt in seinen Roman einzuarbeiten, arbeitet er jetzt am Update der Autorendefinition. Vermutlich freut ihn das Rätselraten, ob er im Nachhinein noch an dem Bot-Interview gefeilt hat: Setz will, dass man ihm als Autor misstraut. Es sind Autoren-Bots, die uns von Literatur gewordenen Intentionen und dem Terror kausaler Zusammenhänge befreien.

Im Gegensatz zu vielen Ihrer Kollegen gehen Sie nicht davon aus, dass Sie immer publizieren werden. Ist das eine eher traurige oder befreiende Vorstellung?

(…) Aber im Ernst, es ist unerträglich und lächerlich, ich bin jetzt 31 und habe noch immer keinen Beruf. Ich bin als Entertainer im Land unterwegs. An sich keine Schande, wie Schlagersänger, Kabarettist oder Motivationstrainer, alles ehrenwerte Tätigkeiten, aber halt nie von mir als Beruf beabsichtigt. Aber nun bin ich das. Leute zum Lachen bringen. Es wird mir peinlich. (…) Noch größerer Ekel später beim Gedanken an ein Autorenleben mit, let’s say, fünfundvierzig oder fünfzig. Immer noch um Stipendien ansuchen, auf Preise hoffen. Auftreten und witzig sein. Wir sollten es lieber gut sein lassen, dann.

(16.–18. März 2014)“

Clemens J. Setz „Bot – Gespräch ohne Autor“ ist im Suhrkamp Verlag erschienen.

 

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