Twin Peaks: David Lynchs Rätsel der Superlative geht weiter

Man musste (konnte?) David Lynchs „Twin Peaks“ nicht verstehen, um es zu lieben. Jetzt erscheint die Fortsetzung der 90er-Kultserie auf DVD – und bringt alte Dämonen und neue Fragen mit.

Die Bedeutung von „Twin Peaks“ für die Evolution der Fernsehserie muss hier nicht nochmals erläutert werden. Sprechen wir lieber über das Gewicht von David Lynchs später Fortführung seiner einst bahnbrechenden Mischung aus Krimi, Mysteryhorror, Kleinstadt-Groteske und Seifenoper für das Jetzt. Das serielle Erzählen hat Lynch mit „Twin Peaks“ geprägt wie kaum ein anderer, nun hebelt der Regisseur es von der ersten Folge an aus; auch für Fanservice interessieren sich Lynch und Mitstreiter Mark Frost herzlich wenig, womit sich die enttäuschenden Einschaltquoten in den USA erklären lassen – wer für die Nostalgie gekommen ist, muss lange warten.

Twin Peaks bleibt Nebenschauplatz, jetzt geht es nach Las Vegas und South Dakota

 

Der erste Regelbruch: Twin Peaks bleibt Nebenschauplatz, eine Art mythischer Ort – das Hauptgeschehen findet in Las Vegas und South Dakota statt. Der zweite: Handlungsstränge werden angerissen und für mehrere Episoden liegen gelassen, neue Figuren tauchen auf und verschwinden dann auf unbestimmte Zeit. Im Zentrum steht zwar nach wie vor FBI-Agent Dale Cooper (Kyle MacLachlan) – der aber schwärmt nicht mehr von Kirschkuchen und verdammt gutem Kaffee, seit der Dämon Bob im vielleicht fiesesten Serien-Cliffhanger überhaupt Besitz von ihm ergriffen hat. 26 Jahre später kehrt er durch ein Stromkabel aus der schwarzen Hütte zurück und landet im Körper des Versicherungsangestellten Dougie Jones, der mit Sohn und Ehefrau in einem Vorort lebt. Gleichzeitig mordet sich ein böser Cooper-Doppelgänger durch das Land. Damit muss man nun klarkommen: Den Serienliebling gibt es einmal brutal und mit fettiger Mähne; und einmal als durch die elektrischen Ladungen gezeichneten Schatten seiner selbst. Dennoch ist die Dougie-Jones-Saga das Herzstück der Serie – und mündet im vielleicht kathartischsten Moment der 18 Stunden.

„Es ist eine fremde, seltsame Welt“

 

„Es ist eine fremde, seltsame Welt“ – mit diesem Satz aus „Blue Velvet“ ist die Rückkehr nach Twin Peaks am treffendsten beschrieben. Wie die meisten Werke von David Lynch folgt auch die neue Twin-Peaks-Staffel der Logik eines Traums, doch funktioniert sie in ihrer Unzuverlässigkeit auch als Zerrbild der ohnehin schon surrealen Gegenwart: Die Struktur ist unübersichtlich und chaotisch, die Atmosphäre erfüllt von Unsicherheit, das Narrativ bietet kaum Kontinuität. Höhepunkt ist die achte Folge, die nicht weniger als der Geburt des Bösen schlechthin auf den Grund geht: Zu Pendereckis „Threnody for the Victims of Hiroshima“ taucht die Kamera ein ins Herz der Atombombe, ein verstörendes Bilderinferno, monumental wie eine nachtschwarze Version des Intros von „2001: Odyssee im Weltraum“. Das Finale unterläuft dann nochmals alle Erwartungen und stößt zugleich neue Türen auf. Wenn die Serie mit den ersten beiden Staffeln von „Twin Peaks“ zur Kunstform wurde, dann hat sie mit der 2017er-Version ihre Avantgarde – und David Lynch womöglich sein Opus Magnum.

David Lynch „Twin Peaks – A limited Event Series“ mit u. a. Kyle MacLachlan, Laura Dern und Naomi Watts erscheint am 22. März.

Foto: © Universal Pictures

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