Der seidene Faden: Daniel Day-Lewis’ letzter Film?

Es heißt, Daniel Day-Lewis wolle nach diesem neuen Meisterwerk von „Magnolia“-Regisseur Paul Thomas Anderson aufhören. Er wäre tragisch – und ein krönender Abschluss zugleich für den dreifachen Oscar-Preisträger.

Als Paul Thomas Anderson 2014 den Roman „Inherent Vice“ von Thomas Pynchon verfilmte, verhedderte er sich heillos in der Buchvorlage. Doch schon in den ersten Minuten von „Der seidene Faden“ weiß man wieder, warum Anderson der womöglich wichtigste amerikanische Filmemacher der Gegenwart ist. Der achte Film des Regisseurs markiert den vorläufigen Höhepunkt einer neuen Konzentration: Nachdem er mit ausladendem Ensemblekino wie „Boogie Nights“ (1997) oder „Magnolia“ (1999) begann und später in „There will be Blood“ (2007) die Leinwand zu epischen Western-Panoramen weitete, ist „Der seidene Faden“ mit Daniel Day-Lewis in der Hauptrolle nun ein Historiendrama, das sich vornehmlich in den Innenräumen eines mondänen Anwesens im Nachkriegsengland auf zwei Personen konzentriert.

Seine Präsenz entwickelt der Film aus dem Raum heraus; seine Kraft bezieht er aus der Bewegung. Die von Anderson erstmals selbst geführte Kamera gleitet zu Anfang durch die Flure und Treppenhäuser der Schneiderei des Modedesigners Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis), sich öffnende und wieder schließende Türen erzeugen einen fast tänzerischen Rhythmus, später dann treffen Blicke auf- und verhaken sich ineinander.

Besagter Woodcock fügt sich nahtlos in die Reihe getriebener, egozentrischer, wahnhaft mit sich selbst und der Welt ringender Männerfiguren in Andersons Œuvre ein: Da ist der Aufstieg und Fall des Pornostars Dirk Diggler in „Boogie Nights“; der übersteigerte und brüchige Machismus des Männermotivators Frank T. J. Mackey in „Magnolia“; die Dualität zwischen dem Sektenführer Lancaster Dodd und dem Kriegsveteranen Freddie Quell in „The Master“ (2012). Und natürlich der ebenfalls von Daniel Day-Lewis verkörperte Ölmagnat Daniel Plainview in „There will be Blood“, der an seiner Gier zugrunde geht. Woodcock ist auch deshalb ein herausragender Beleg für Daniel Day-Lewis’ schauspielerische Größe, weil ihn der dreifache Oscar-Preisträger trotz ähnlicher Wesenszüge als exakten Widerpart zum polternden Plainview anlegt. Der Stardesigner ist auf den ersten Blick eine beherrschte Erscheinung, seine Gesichtszüge sind sanft, doch ist er fast manisch darin, alles in der von ihm ausdefinierten Ordnung zu halten. Woodcock arbeitet für die Reichen und Schönen, die Berühmten und Begehrten, Adlige und Filmstars. Inspiration für seine Kreationen erhält er nicht zuletzt durch die Frauen in seinem Leben. Doch mit der Kellnerin Alma (Vicky Krieps) ist es anders. Schon kurz nach der ersten Verabredung zieht sie in sein Stadthaus, das außer ihm noch seine reservierte Schwester Cyril (Lesley Manville) bewohnt. Doch Alma lässt sich nicht so einfach in Woodcocks Einrichtung integrieren …

Der metaphorische seidene Faden, der Woodcocks Lebenskonstrukt aus peniblen Regelwerken zusammenhält, beginnt sich langsam aufzulösen – und es entspinnt sich die elektrisierendste und ambivalenteste Leinwandbeziehung seit langer Zeit, die das Klischee vom Künstler und seiner Muse dekonstruiert und pervertiert. Ein Wechselspiel in psychologischem Sadomasochismus, in Szene gesetzt als dunkel funkelndes Kammermelodram und schwarzromantische Komödie. Radiohead-Gitarrist und Anderson-Hauskomponist Jonny Greenwood schwingt sich auf zu einem ganz klassischen Orchester-Score, der an Claude Debussy erinnert und erst im späteren Verlauf des Films Greenwoods typische atonale Brechungen erhält. Eine Musik, so umarmend romantisch wie der ganze Film – und mindestens genauso vergiftet.

 

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