Contemporary Music

„Drei Tage in Quiberon“: @realromyschneider

Marie Bäumer ist toll als Romy Schneider in „3 Tage in Quiberon“. Aber was uns wirklich interessiert: Wie viele Follower hätte die Schneider heute auf Instagram?

Virtuos hat es Maria Schrader vorgemacht mit „Vor der Morgenröte“ (2016), ihrem Porträtfilm über Stefan Zweig: wie man sich, statt das ganze Leben eines Stars zu zeigen, auf Teilstücke und Episoden beschränkt und so der berühmten Person näher kommt als mit einem konventionellen Biopic. Die deutsch-iranische Regisseurin Emily Atef wählte für ihren Film über den Menschen, nicht den Mythos Romy Schneider einen ähnlichen Ansatz: Die Handlung beschränkt sich auf das heute legendäre Interview mit der Zeitschrift Stern, das Schneider 42-jährig im Jahr 1981 im französischen Seebad Quiberon gab. Genauso legendär sind die Schwarz-Weiß-Fotos, die Schneiders guter Freund Robert Lebeck während dieser Tage von dem krisengeplagten Weltstar machte. Atef stellt viele dieser Aufnahmen mit ihrer hingebungsvoll spielenden Hauptdarstellerin Marie Bäumer nach. Folgerichtig ist „3 Tage in Quiberon“ ein schwarz-weißes Kammerspiel geworden, in dem eine zwischen depressiver Einsamkeit und plötzlicher Aufmerksamkeitssucht pendelnde Romy Schneider dem Reporter Michael Jürgs ihre zerrüttete Seele offenbart – schonungslos, ja schutzlos offen. Das ist als fiktionale Aufarbeitung von Zeitgeschichte packend, dicht und vor allem traurig. Denn man weiß ja, das kurze Zeit später Schneiders junger Sohn tödlich verunglückte und sie selber nur noch wenig mehr als ein Jahr lebte, aufgerieben von einem Dasein zwischen Rampenlicht und Rückzug, zwischen den Extremen.

 

 

Darüber hinaus ist der Film eine beeindruckende Reflexion über das öffentliche Leben in den Zeiten vor den sozialen Netzwerken. Wenn man sieht, wie Schneider/Bäumer sich vor Lebecks Kamera hemmungslos selbst inszeniert, kindlich, kokett, sexy, scheu, fertig, ernst, überschäumend: Dann fragt man sich unweigerlich, wie diese Frau sich heute auf Plattformen wie Facebook oder Instagram präsentieren würde. In den berühmten Bildern, die Atefs Kameramann Thomas Kiennast kongenial fotografiert, vermischten sich auf eine Weise Intimsphäre und Selbstdarstellung, wie man es heute von Social-Media-Stars wie den amerikanischen Kardashian-Schwestern oder der Popsängerin Ariana Grande kennt. Die Grenze zwischen Inszenierung und Authentizität ist verwischt, das Private wird Populäres, wo das eine anfängt und das andere aufhört, ist nicht mehr klar. Gemeinsam ist Schneider und ihren Quasi-Epigonen die Abhängigkeit von der Aufmerksamkeit, die Fluch und Segen zugleich ist – hört sie auf, ist auch die Karriere vorbei.

Und dass sich Romy Schneider auf Lebecks Quiberon-Motiven oft ungeschminkt zeigt – ist das nicht der direkte Link zu den angesagten „No Make-up Selfies“, die Berühmtheiten wie Heidi Klum heute mit ihrem Smartphones von sich machen, um so für ihre Follower, Fans und die Medien natürlich und nahbar zu wirken? Benutzte Schneider, labil wie sie war, für ihre mediale Beichte nicht auch Jürgs, Lebeck und den Stern, ebenso, wie diese sich an ihr gütlich taten? Atef thematisiert das jedenfalls, wenn sie Jürgs, Lebeck und die fiktive Schneider-Freundin Hilde nur über ihre Beziehung zum Star definiert. Alle wollten etwas von ihrer Romy – aber wollte nicht auch Romy von allen etwas?

Schneider war jedenfalls ein sehr heutiger Star, das zeigt nicht nur Emily Atefs Film noch einmal deutlich. Es ist auch bezeichnend, dass einige Schnappschüsse auf der Instagramseite von Grand-Prix-Gewinnerin Lena Meyer-Landrut ästhetisch an Romy Schneider in Quiberon erinnern – an eine durch und durch stilbildende Künstlerin also.

„Drei Tage in Quiberon“: @realromyschneider • Reviews

Danger Dan

Danger Dan und die Depressionen der Anderen

Leseempfehlungen • Film

„Ladybird“: Letzter Oscar-Film 2018 startet

„Wildes Herz“ schlägt links