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Dror Mishani bringt den israelischen Krimi zurück

Der israelische Krimiautor Dror Mishani hat Großes vor mit seinem Ermittler Avi Avraham. Dafür wird der dritte Roman „Die schwere Hand“ hoch gelobt und schafft es auf Platz 3 der besten Krimis.

Gerade ist Dror Mishani mit seinem dritten Band um Avi Avraham auf Platz drei der deutschen Krimibestenliste eingestiegen. Doch so selbstverständlich – geniales Buch hin oder her – ist das nicht, denn israelische Krimis sind in Deutschland eine absolute Ausnahme.

Aber warum? Haben Israelis etwa keine Lust auf Krimis? Wo Krieg und Anschläge nur einen Wurf mit der Schleuder entfernt sind, mag man sich vielleicht nicht zusätzlich mit fiktiven Verbrechen beschäftigen. Diesen Eindruck könnte man bekommen, denn nur sehr wenige israelische Krimiautoren schaffen es, auch international bekannt zu werden. Die 2005 verstorbene Batya Gur ist immer noch die große Ausnahme. Ihre Reihe um den melancholischen Inspektor Ochajon von der Jerusalemer Polizei wurde auch in Deutschland zu einem Bestsellererfolg. Wer näher hinsieht, bemerkt jedoch, dass es durchaus noch mehr israelische Autoren gibt, die sich einem erweiterten Krimibegriff zuordnen lassen. Nur werden sie in Deutschland nicht als Krimis wahrgenommen, da sie nicht als solche vermarktet werden.

Dror Mishani ist diesem Schicksal entgangen. Der Übersetzer und Literaturdozent aus Tel Aviv hat schon mit seinen ersten beiden Romanen „Vermisst“ (2013) und „Die Möglichkeit eines Verbrechens“ (2015) in Krimikreisen Aufmerksamkeit erregt. Jetzt führt er mit dem gerade auf Deutsch erschienenen dritten Band sein selbstgewähltes Langzeitprojekt fort: Mishani hat sich vorgenommen, neue literarische Pfade im Krimigenre zu gehen, indem er seinen Ermittler Avi Avraham lebenslang begleitet. Das klingt ambitioniert – aber es könnte durchaus sein, dass Mishani genau so und mit einem eigenständigen Stil sein Heimatland auf die Krimikarte zurückholt.

 

Weder das Verbrechen noch dessen Lösung stehen im Mittelpunkt

 

Weder das konkrete Verbrechen noch dessen Auflösung stehen bei „Die schwere Hand“ im Vordergrund. Vielmehr führt der Mord an einem früheren Vergewaltigungsopfer den grüblerischen Inspektor Avraham zu der verwirrenden Erkenntnis, dass je nach Blickpunkt die eine oder andere Auflösung des Falles die richtige ist. Denn jedes Verbrechen ist Teil des gesellschaftlichen Kontextes und wird durch diesen definiert und bewertet: Ist unter gewissen Umständen nicht eigentlich der Mörder das Opfer? Wer ist für ein Verbrechen verantwortlich, und wer bestimmt, wann eine Tat beginnt und wann sie endet? Dror Mishani lässt nicht zu, dass seine Protagonisten in Gut-Böse-Schubladen fallen, er spielt mit Perspektivwechseln und dreht die Geschichte im Kreis herum, um sie von vielen Seiten zeigen zu können. Cholon, der graue Vorort von Tel Aviv, ist in dem Roman nicht vordergründig präsent, aber man spürt, wie viel diese Geschichte über die Menschen dort erzählt. Diesen Menschen, die offensichtlich doch Lust auf Krimis haben.

Dror Mishani „Die schwere Hand“ ist im Zsolnay Verlag erschienen.

 

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