Earth: Full upon her burning Lips

Als Pioniere des Drone-Metals haben Earth Schwerfälligkeit zu einer Tugend erhoben. Kein Wunder also, dass ihre stilistischen Experimente bedächtig vorangehen.

In den frühen 90ern hat Dylan Carlson, das einzige feste Mitglied seiner Band Earth, mit „Earth 2“ die moderne Drone-Musik quasi im Alleingang erfunden. Seitdem treibt er den Sound seiner Band von diffusem Grunge bis hin zu psychedelischer Americana, und ergänzt diese Genres um die atmosphärische Dichte seiner frühen Drone-Alben.

Auch die späten Earth-Stücke kreisen daher um einzelne Figuren, doch wiederholen sie sie nicht nur beständig – sie lösen sie auf, lassen sie in anderer Form wieder auftauchen, und betten sie in einer reicheren harmonischen Umgebung ein. Dabei verweigern sie sich weiterhin einer leitenden Melodie. Einige Teile des Spätwerks leiden daher darunter, dass Carlson gerne in ähnlichen Klangfarben arbeitet. Das ist eine Gratwanderung, der er sich zuletzt vermehrt mit Experimenten im Arrangement gestellt hat.

„Full upon her burning Lips“ bricht mit dem Schema, mit dem Carlson im letzten Jahrzehnt den Sound seiner Band weiterentwickelt hat. Statt diese Stücke mit Sänger*innen, oder Celli zu versetzen, wie zuletzt auf „Primitive and deadly“ oder „Angels of Darkness, Demons of Light“, stellen Carlson und seine Schlagzeugerin Adrienne Davies hier die Kompositionen in den Vordergrund – indem sie die Besetzung auf Gitarre, Bass und Schlagzeug reduzieren.

Earth haben ihren Sound neu entdeckt: Die Songs wenden sich in ungeahnte Richtungen, brechen unerwartet ab oder fächern sich in vielschichtige Harmonien auf. Auch klanglich wagen sie wieder vereinzelte Experimente. So ist „The Color of Poison“ der wohl druckvollste und geradlinigste Earth-Song seit dem Mitt-90er Grunge-Album „Pentastar“: ein Black-Sabbath-Song in Zeitlupe.

Auf „Descending Belladonna“ und „Maiden’s Catafalque“ wirken die Schleifen dagegen überraschend zart und hell, die Carlsons Gitarre um Davies spärliche Becken zieht. Auch die Produktion wirkt im Lichte der Reduktion verspielter: Kleine Details wie das Zusammenspiel einzelner Gitarrenspuren, die im Echo langsam unter dem Schlagzeug verschwinden, lassen „Full upon her burning Lips“ auch bei wiederholtem Hören lebhaft und vielschichtig klingen.

Es ist zu erwarten, dass diese Entwicklung bei Earth langsamer vonstatten geht als bei anderen Bands. Das muss jedoch kein Nachteil sein: Die Experimente, die Earth auf „Full upon her burning Lips“ wagen, sind zwar dezent, dafür aber bedacht und konsequent umgesetzt.

Jonah Lara

 

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