Fat White Family: Harmonien statt Heroin

Im Juni kommt die Fat White Family mit ihrem neuen Album „Serfs up!“ für zwei Konzerte nach Deutschland. Wir haben mit Saul Adamczewski darüber gesprochen, warum die Band nicht mehr dieselbe ist.

kulturnews: Saul, in den letzten Jahren hat es innerhalb der Band viele Veränderungen und Komplikationen gegeben, durch die ihr zwischenzeitlich getrennte Wege gegangen seid. War es immer klar, dass es mit der Fat White Family weitergehen würde?

Saul Adamczewski: Nein, ich war nicht mal sicher, ob ich in diese Platte überhaupt involviert sein würde. Als Lias (Saoudi, Anm. d. Red.) und die anderen bei Domino unterschrieben haben, hatte ich damit nichts zu tun ich war zu dieser Zeit mit meinem anderen Projekt Insecure Men beschäftigt. Erst nach einer Weile haben wir gemerkt, dass es einfach Sinn ergibt, doch gemeinsam an diesem Album zu arbeiten, auch wenn es seltsam war, erst kurz vor den Aufnahmen hinzuzustoßen.

kulturnews: Waren Nebenprojekte wie Insecure Men auch eine Art Flucht?

Saul: Das würde ich so nicht sagen … Ich habe schlicht deshalb mit Insecure Men angefangen, weil ich vorher aus der Fat White Family geworfen wurde.

kulturnews: Wenn es also gar nicht deine Entscheidung war, erst mal auf Distanz zu gehen, waren es dann auch Lias und die anderen, die dich wieder zurückgeholt haben?

Saul: Es war eine gemeinsame Entscheidung. Mein Lebensstil hat sich ein bisschen geändert. Ich nehme nicht mehr so viele Drogen wie vorher, und teilweise auch nicht mehr die gleichen.

kulturnews: Ohne nun irgendwelche romantisierenden Sex-Drugs-&-Rock’n’Roll-Klischees wiederholen zu wollen – aber gehören Drogen nicht auch zum Mythos eurer Band?

Saul: Ja, schon, aber in der Form wie vorher gehören sie der Vergangenheit an – unsere neue Platte markiert in dieser Hinsicht auf jeden Fall eine Art Aufbruch. Ich glaube, das kann man hören, oder? „Serfs up!“ enthält eine Menge positives Zeugs.

kulturnews: Also habt ihr kollektiv dem Hedonismus abgeschworen?

Saul: Nein, nein, nur dem Heroin …

kulturnews: Hat auch eure neue Basis in Sheffield damit zu tun?

Saul: Auch daran war ich ursprünglich nicht beteiligt. Die anderen sind nach Sheffield gezogen und haben dort ihr eigenes Studio aufgebaut, nachdem sie ihren Plattenvertrag unterschrieben hatten. Ich bin in dieser Zeit noch in London gewesen, während die anderen das Bedürfnis hatten, neu anzufangen – dafür war eine neue Umgebung nötig, und außerdem wäre es in London schon finanziell ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, ein Studio anzumieten und zu betreiben. Ich bin dann später nachgekommen.

kulturnews: Wie hat sich die Stimmung innerhalb der Band danach verändert?

Saul: Wir haben vor allem daran gearbeitet, mehr auf Augehöhe zu agieren, die Aufgaben gerechter zu verteilen. Vorher hatte ich die komplette Kontrolle über die Musik: Die Entscheidungen über Instrumente, Arrangements und Produktion lagen größtenteils bei mir. Lias hat dann die Lyrics dazu geschrieben, und wir sind nie auch nur ein einen Milimeter von dieser Verteilung abgewichen. Nun schreibt auch Nathan (Saoudi, Keyboarder der Band, Anm. d. Red.) viele der Songs, wir arbeiten bei allem eng zusammen und haben auch Kollaborationen mit Leuten von außen zugelassen; mit Alex White ist ein neues Mitglied zur Familie hinzugestoßen, auch er hat uns viel geholfen, einen anderen Umgang miteinander zu finden und dadurch auch unsere Arbeitsweise radikal zu ändern.

kulturnews: Das hört sich fast schon harmonisch an.

Saul: Ja, bis zu einem gewissen Grad war es das auch! Es ist noch immer nicht alles Peace & Love, es gibt nach wie vor Schwierigkeiten und Uneinigkeit, aber es nimmt nicht mehr so dramatische Züge an wie vorher – vielleicht sind wir ein bisschen erwachsener geworden, vor allem aber haben wir uns alle besser kennengelernt und wollen einander nicht mehr umbringen.

kulturnews: Ist eine Band wie eure nicht andererseits auch auf Reibung angewiesen, um funktionieren zu können?

Saul: Das würde ich so absolut nicht mehr sagen. Natürlich ist es ein essenzieller Bestandteil der Band, dass wir uns betrinken, Unsinn reden, vielleicht auch streiten; aber es ist wichtig, eine Art Mitte ansteuern und unsere Temperamente auch dadurch auszubalancieren, dass wir uns zwischendurch anderen Dingen und Projekten widmen – wir neigen alle etwas zum Wahnsinn, das ist auf Dauer nicht gesund.

kulturnews: Klingt die neue Platte deshalb so viel aufgeräumter? Bis auf Lias‘ Stimme und das eine oder andere instrumentale Detail erkennt man euch auf „Serfs up!“ kaum wieder. Es ist ziemlich opulent und extravagant, fast das Gegenteil von Lo-Fi, mit all den Streichern, Chören, Stilwechseln.

Saul: Ein Teil dieses neuen Stils habe ich aus meiner Erfahrung mit Insecure Men mitgebracht. Das Album, das wir gemacht haben, war zwar immer noch Lo-Fi, aber auch dort haben wir schon mit Streichern, poppigen Harmonien und üppigeren Arrangements experimentiert. Das letzte Fat-White-Family-Album „Songs for our Mothers“ war so reduziert und roh, dass wir es als ultimative Herausforderung betrachtet haben, unseren Sound so weit zu öffnen wie möglich. Wir haben vor den Aufnahmen zum Beispiel alte Wham!-B-Seiten und eine Menge Kanye West gehört, vor allem sein Album „Yeezus“. Der Ausgangspunkt von „Serfs up!“ war die Frage: Sind wir dazu in der Lage, ein Popalbum zu machen?

kulturnews: Dazu passt, dass „Serfs up!“ eure erste Veröffentlichung auf einem großen Label ist. Hattet ihr es satt, von der Kritik geliebt zu werden, gleichzeitig aber ständig mit existenziellen Ängsten konfrontiert zu sein?

Saul: Es war keine zynische Kalkulation, die uns dazu gebracht hat, bei Domino zu unterschreiben. Es geht uns nach wie vor nicht darum, möglichst viel Geld zu verdienen. Aber ein bisschen mehr Sicherheit ist natürlich keine schlechte Grundlage.

kulturnews: Es ist in der Vergangenheit viel über eure Band geschrieben worden, auch sehr viel Theoretisches und Analytisches, während euer Ansatz eher ein instinktiver, affektiver zu sein scheint. Wie wichtig sind euch konzeptuelle Überlegungen?

Saul: Wir machen uns schon Gedanken, aber nicht unbedingt auf eine bierernste Art und Weise – eher mit einem Augenzwinkern. Wir sind ja keine Intellektuellen.

kulturnews: Aber ihr werdet intellektualisiert.

Saul: Sicher – das ist wohl einfach, was Musikjournalisten so tun. (lacht) Wenn ich manche der Artikel über uns lese, finde ich das vor allem sehr lustig. Und manchmal werden mir dadurch sogar Dinge über meine eigene Musik klar, über die ich vorher nie nachgedacht habe.

kulturnews: In einem anderen Interview hast du mal gesagt, dass du im Gegensatz zu Lias kein großer Fan von Konzerten bist. Dabei seid ihr gerade für eure Liveshows berühmt und teilweise auch berüchtigt.

Saul: Ich langweile mich einfach sehr schnell dabei, Abend für Abend dieselbe Setlist herunterzuspielen … Jetzt haben wir eine komplett andere Besetzung, mit vielen Multiinstrumentalisten, die eine völlig andere Dynamik in die Liveshows hineinbringen. Wir spielen halt nicht mehr einfach nur Garage Punk. Seitdem macht es mir auch mehr Spaß.

kulturnews: Wenn es um die Umbesetzungen geht: Was muss ein*e Musiker*in eigentlich mitbringen, um Teil der Fat White Family zu werden?

Saul: Wir haben da keine Checkliste oder so. Aber es geht vor allem um die Persönlichkeit, weniger um musikalisches Können. Es ist gar nicht so leicht, Leute zu finden, die Lust darauf haben, dauerhaft Zeit mit uns zu verbringen. Wichtig ist auf jeden Fall ein Sinn für dunklen Humor, eine gewisse Toleranz für Launen und Ausfälligkeiten, außerdem natürlich ein ähnlicher Geschmack – wenn du den ganzen Tag Radiohead hörst, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass wir dich nicht in unserer Band haben wollen.

kulturnews: Lias hat euch mal als stolze Loser bezeichnet. Ist das immer noch eine adäquate Beschreibung?

Saul: (lacht und wiederholt mit lang gezogenen Vokalen:) Proooud Looosers! Ja, warum nicht? Stolze Loser, bis wir sterben!

Live

2. 6., Hamburg, Molotow

3. 6., Berlin, Bi Nuu

Tickets für die Fat White Family gibt es bei Eventim

 

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