Contemporary Music

Garth Greenwell: Toilettensex mit Tiefgang

In seinem Debütroman offenbart Garth Greenwell universelle Wahrheiten über das Begehren – indem er von der Liebe zu einem bulgarischen Stricher erzählt.

Es gibt sie noch, diese Orte, an denen die soziale Herkunft keine Rolle spielt. Der Ich-Erzähler aus „Was zu dir gehört“, dem autobiografischen Romandebüt von Garth Greenwell, erfährt die öffentlichen Toiletten des Kulturpalasts von Sofia als einen solchen Raum: Hier trifft er beim Cruisen auf den deutlich jüngeren Stricher Mitko. Doch natürlich hat diese Aufhebung von Schicht und ethnischer Zugehörigkeit außerhalb der Toilettenkabinen keine Gültigkeit mehr, und die den Regeln der käuflichen Liebe folgende Beziehung zwischen dem für einen Lehrauftrag in Sofia weilenden Amerikaner und einem mittel- wie chancenlosen Bulgaren zerbricht – auch wenn sich dieses Scheitern über zwei Jahre hinzieht und mit einem komplizierten Austarieren von Begehren und Abhängigkeit, Zärtlichkeit und Gewalt verbunden ist.

So sensibel der 40-jährige Greenwell die Beziehung inklusive erotischer, ganz und gar nicht keimfreier Sexszenen zu erzählen vermag – der große Erfolg, den dieser Roman bei seinem Erscheinen in den USA vor zwei Jahren auch außerhalb einer queeren Leserschaft erzielen konnte, überrascht. Vermutlich aber ist es ein ähnliches Phänomen wie das große Interesse an dem Franzosen Édouard Louis in Europa, der in seinen dem eigenen Leben abgerungenen Romanen ganz ähnliche Thematiken verhandelt. Wenn Greenwells Ich-Erzähler seine sexuelle Identität zu ergründen versucht, indem er sich an die Erniedrigungen der ersten unglücklichen Liebe und Auseinandersetzungen mit dem homophoben Vater erinnert, liegt darin keine schwule Wahrheit, sondern universelle Erkenntnis: „Ich glaube, das ist es, wonach ich seither immer gesucht habe, diese Mischung aus Ausgeschlossensein und Begehren, die ich dort in seinem Zimmer erfuhr; der Schmerz des Ausgeschlossenseins und die Lust des Begehrens – manchmal glaube ich, es ist das einzige, wonach ich je gesucht habe.“

Garth Greenwell „Was zu dir gehört“ ist im Hanser Verlag erschienen.

 

 

Leseempfehlung