Contemporary Music

Henning Venske hört auf

Henning Venske gehört zur alten Garde der Kabarettisten. Gerade deshalb ist er kämpferisch wie eh und je – auf die Bühne hat er aber langsam keine Lust mehr.

Jürgen Wittner: Herr Venske: Trump, Putin, Erdogan: Nie wurden Kabarettisten die Themen so frei Haus geliefert wie in den letzten Jahren – und Sie hören auf. Steht es Ihnen so sehr bis obenhin?

Henning Venske: Ja. Kann man sagen. Es steht mir bis obenhin. Wenn sich Hamburgs Bürgermeister Scholz zu einem Fest der Demokratie mit den von Ihnen genannten Herren trifft, kann einem das ganz schnell bis obenhin stehen. Andererseits ist es so, dass diese Herren ja keine neuen Themen liefern. Seit Anbeginn des Theaters, seit Anbeginn der Satire, seit Aristophanes haben wir immer dieselben Themen: Krieg und Frieden, Macht und Ohnmacht, Gewalt, Gesundheit, Mann und Frau. Hinzugekommen ist nur die Atomkraft, mit der die Menschheit in der Lage ist, sich selbst auszurotten. Vielleicht kommt als nächstes Thema noch die Digitalisierung hinzu, die eine neue Form der Kommunikation ermöglicht.

Jürgen Wittner: Warum ändert sich seit 2000 Jahren kaum etwas?

Henning Venske: Das würde ich auch gerne wissen. Ich denke, es liegt an der Blödheit der Menschen vielleicht? An der Raffgier? An der Habsucht? Aber in erster Linie an der Dummheit.

Jürgen Wittner: Sie stellen hier nicht die Systemfrage. Sie sagen nicht, dass das alles am Kapitalismus liegt.

Henning Venske: Der ist auch eine Ausgeburt der Dummheit.

Jürgen Wittner: Von welchem Standpunkt aus kritisieren Sie, vom Standpunkt des Humanismus aus?

Henning Venske: (stöhnt auf) Wissen Sie, wenn jemand sagt, er brauche mehr Menschlichkeit, in der Politik, dann bin ich versucht zu sagen: Nein, bitte nicht! Verstand ist nötig! Vernunft! Mehr Verstand führt sofort zu stärkerem sozialen Verhalten.

 

Henning Venske 1973

 

Jürgen Wittner: Welche Partei hat Sie am meisten enttäuscht?

Henning Venske: Ich fand sehr enttäuschend, wie nach dem zweiten Weltkrieg die sogenannte Demokratie aufgebaut wurde. Dass Herr Adenauer schon in den 50er-Jahren nichts besseres zu tun hatte, als viele Menschen, die im Dritten Reich im KZ gesessen hatten, gleich wieder einzusperren. Die Kommunistenverfolgung damals durch die CDU fand ich katastrophal. Ebenfalls enttäuschend war für mich, wie wenig Solidarität und Vernunft die SPD hat walten lassen und wie wenig sie da den Verfolgten beigestanden hat. Während sich die CDU von meiner Enttäuschung nie erholt hat, hat die SPD in all den Jahren immer weiter enttäuscht.

Jürgen Wittner: In Ihrer eigenen Definition von Kabarett führen Sie die griechische Mythologie ins Feld. Da steckt der Kabarettist in einem vollen Jauchefass und schöpft und schöpft, aber er kann das Fass nicht leeren. Warum steigt Herr Venske Abend für Abend ins Jauchefass?

Henning Venske: Das ist mein Beruf! Wenn ich nicht ins Jauchefass steigen würde, wäre ich möglicherweise bei einer Zeitung tätig und würde das schreibend erledigen. Nun mache ich beides, und es bereichert mein Leben. Vermutlich würde mir das Schreiben alleine auch genügen.

Jürgen Wittner: Willy Brandts Kniefall in Warschau war für Sie ein Meilenstein in der Republik. Der von ihm veranlasste Radikalenerlass, der Menschen mit kommunistischer Überzeugung vom Staatsdienst ausschloss, enttäuschte Sie maßlos. Sollen heute Reichsbürger als Lehrer unsere Schüler unterrichten dürfen?

Henning Venske: Da sage ich ganz klar Nein!

Jürgen Wittner: Warum?

Henning Venske: Die Gleichsetzung von Braun und Rot geht überhaupt nicht. Wenn man behauptet, einen demokratischen Staat zu führen, muss man Nein zu Nazis sagen. In unserem Interesse liegt nicht, dass Nazis vor unseren Schulklassen stehen.

Jürgen Wittner: Was läuft falsch in einer Demokratie, wenn wie in den USA Geheimdienste und die Bundespolizei die Demokratie vor dem Präsidenten schützen müssen?

Henning Venske: (lacht laut) Nach meinen Wünschen müssen die überhaupt nichts schützen, die muss es nicht geben. Ich finde die überflüssig, die sollte man abschaffen. Und wenn Herr Trump mit dem FBI Probleme hat, ist mir das Recht. Ich finde Trump unter aller Würde, aber das FBI ist ebenfalls eine schreckliche Einrichtung, die ich nicht für schutzwürdig halte.

Jürgen Wittner: Wenn Sie Ende des Jahres Ihre Ankündigung wahrmachen, Ihre Kabarettkarriere zu beenden: Sieht man Sie dann bald an der Alster sitzen, Enten füttern?

Henning Venske: Das mach ich gerne! Nein, ich hab mir schon noch einiges vorgenommen, so ist es nicht. Aber mit dem aktuellen politischen Kabarett will ich nicht mehr durch die Lande touren.

Jürgen Wittner: Sie werden also nicht als alter Grantler im Hamburger Stadtbild auffällig?

Hennning Venske: Warum sollte ich das tun?

Jürgen Wittner: Weil Sie die Bühne vermissen werden, Herr Venske!

Henning Venske: Na, das kann allerdings gut sein. Dann werde ich vielleicht mal wieder Theater spielen.

Jürgen Wittner: So wie mit der Inszenierung von „Beckett Beckett Hacks“ vor wenigen Jahren im Hamburger Polittbüro?

Henning Venske: Ja. Ich kann mir auch vorstellen, dass ich mal wieder was im Fernsehen mache.

Jürgen Wittner: Sie könnten doch bei „Dittsche“ in die Fußstapfen von Schildkröte treten.

Henning Venske: (lautes Lachen) Wenn Dittsche mir das Angebot macht, bin ich geneigt, Ja zu sagen.#

 

Checkbrief

Name Henning Venske
Geboren 1939 in Stettin
Studium Germanistik, Geschichte, Theaterwissenschaft
Ausbildung zum Schauspieler an der Max-Reinhardt-Schule Berlin
Engagements in Berlin und am Thalia Theater Hamburg
Weitere Berufe Regisseur, Rundfunkmoderator, Autor, Kabarettist
Münchner Lach- & Schießgesellschaft Ensemblemitglied, Autor und Regisseur
Auszeichnungen Deutscher Kabarettpreis, Bayerischer Kabarettpreis (beides gemeinsam mit Jürgen Busse), Jürgen-von-Manger-Ehrenpreis
Besonderheit Venske ist letzter noch lebender Regieassistent Samuel Becketts

 

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