Contemporary Music

Adam Haslett: Schall und Wahn

Adam Haslett hat mit „Stellt euch vor ich bin fort“ einen grandiosen Familienroman voller Musikbezüge geschrieben – und er weiß, dass die Liebe zu den Tönen sehr schnell gefährlich werden kann.

Carsten Schrader: Adam, in deinem in weiten Teilen autobiografischen Roman „Stellt euch vor, ich bin fort“ gibt es die an deinen Bruder angelehnte Figur Michael, der ein großer Musikenthusiast ist, aber auch die psychische Instabilität eures Vaters geerbt hat und am Ende Selbstmord begeht. Sollte man eine besonders intensive Begeisterung für Musik als Warnsignal begreifen?

Adam Haslett: Ich habe das immer aus der entgegengesetzten Perspektive betrachtet: Musik hat ihm über viele Jahre hinweg das Leben gerettet. Sie hat ihm eine Art Selbstvertrauen gegeben und neue Horizonte vermittelt. Vielleicht romantisiere ich da auch aus der Perspektive des bewundernd zu ihm aufschauenden kleinen Bruders. Musik hat unsere Beziehung intensiviert und Nähe hergestellt, da er mich ständig bekehren wollte und mir Songs vorgespielt hat, die ihn begeistert haben. Verallgemeinerungen sind schwierig, aber natürlich hat seine extreme Leidenschaft auch ein Bedürfnis und einen Mangel offenbart. Zumindest in späteren Jahren, als er ganz offen über die notwendige Lautstärke gesprochen hat und ständig mit einer Bassbox rumgelaufen ist. Wie bei der immer höher werdenden Dosierung von Psychopharmaka musste die Musik immer lauter werden, damit er sich aus ihr die Dinge rausziehen konnte, die ihn durch die Tage gebracht haben.

„Jeder Figur habe ich charakteristische Songs zugeordnet, die ich unmittelbar vor dem Schreiben gehört habe.“

 

Carsten Schrader: Bist du als Romanautor manchmal neidisch, weil Musik viel unmittelbarer eine emotionale Reaktion auslösen kann?

Adam Haslett: Natürlich, deswegen lese ich meine Sätze beim Schreiben auch immer laut, um den Rhythmus eines Satzes und die Melodie der Prosa zu erfühlen. Es sind ja nie die reinen Fakten des Plots, die einen emotionalen Raum öffnen. Da „Stellt euch vor, ich bin fort“ ja abwechselnd aus der Perspektive der fünf Familienmitglieder erzählt ist, brauchte ich unterschiedliche Sounds. Jeder Figur habe ich charakteristische Songs zugeordnet, die ich unmittelbar vor dem Schreiben gehört habe. Das war meine Aufwärmübung, um in die jeweilige Rolle schlüpfen zu können. Bei Spotify kann man eine Playlist finden, wo die Songs den jeweiligen Charakteren zugeordnet sind.

Carsten Schrader: Hörst du beim Schreiben selbst auch Musik?

Adam Haslett: Das geht nicht. Egal, wo ich bin, ich schreibe immer mit Ohrstöpseln, um jegliche Ablenkung auszuschalten. In meinem Kopf soll sich dann nur der Sound meiner Sätze aufbauen.

Songstexte kann Haslett gut ausblenden, wenn Beat und Melodie stimmen

 

Carsten Schrader: Achtest du bei einem Song am intensivsten auf den Text?

Adam Haslett: Den kann ich ziemlich gut ausblenden, wenn mich der Beat und die Melodie mitnehmen. Vielleicht verdanke ich diese Fähigkeit meiner Lieblingsband New Order, die ich auch durch meinen Bruder entdeckt habe: Oft haben sie Wegwerftexte, die unsägliche Allgemeinplätze aneinanderreihen.

Carsten Schrader: Dass es so einfach ist, peinliche Elemente bei Songs auszublenden, macht auch die Zeitreise leichter. Wenn ich „Bizarre Love Triangle“ von New Order höre, denke ich wehmütig an einen Kuss zurück, den ich mit diesem Song verbinde. Parallel habe ich auch „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ von Milan Kundera gelesen, aber da schäme ich mich heute nur noch, dass mir der Roman damals so wichtig gewesen ist.

Adam Haslett: So unmittelbar Musik dich emotional kriegt, bleibt sie doch eher an der Oberfläche – was der Nostalgie ja durchaus zuarbeitet. Ich mache gerade eine ganz ähnliche Erfahrung mit den philosophischen Werken von Wittgenstein. Der Blick zurück auf prägende Jugendjahre ist verstellt, da ich mich bei der erneuten Lektüre ständig selbst vermesse und meine romantischen Projektionen von damals durchschaue.

Carsten Schrader: Hat dein Bruder dir sein ausgeprägtes Interesse für neue Musik vererbt?

Adam Haslett: Schon, wobei es für mich schwer auseinanderzuhalten ist, da ich mit einem Komponisten zusammen bin. Die neue Rhye-Platte mag ich sehr, aber besonders geprägt hat mich zuletzt, dass ich Benjamin Clementine entdeckt habe. Wenn er Töne trifft, die zwischen zwei Noten liegen, ist das für mich als Autor natürlich eine Herausforderung, mit einem Text ähnliche Räume zu öffnen.

Hier geht es zur ausführlichen Kritik zu Adam Hasletts Roman „Stellt euch vor, ich bin fort“.

Interesse an mehr Literatur-Musik-Crossover? Als Autor der Kimmo-Joentaa-Reihe schreibt Jan Costin Wagner über das Weiterleben nach fundamentalen Verlusterfahrungen, als Musiker überführt er auf „Thief of a Moon“ Progressive Rock in melancholische Singer/Songwriter-Kompositionen.

Hier geht es zum Interview mit mit Jan Costin Wagner.

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