Wenn die innere Stimme sagt, besser wird’s nicht!

Das neue Album „Knock Knock“ von Stefan Kozalla alias DJ Koze kann Erleuchtung bringen – trotz oder gerade wegen erhöhter Promillewerte des Künstlers.

Carsten Schrader: Stefan, die Dramaturgie deines neuen Albums ist wie eine spirituelle Reise, zudem gibt es Songtitel wie „Jesus“ oder „Lord knows“ …

DJ Koze: Dieses Album ist dieser manische Prediger, der seinen Text mit einer leichten Aggression vorm Hamburger Hauptbahnhof runterrappt. Es ist immer kurz vor einer Schlägerei, gleichzeitig geht es ihm aber wohl auch ganz gut dabei, und er ist irgendwie erhaben. Es hat schon eine gewisse Spiritualität, wenn du sehr von einer Sache überzeugt bist. Okay, was der Prediger erzählt, ergibt beim ersten Hinhören nicht so viel Sinn, aber vielleicht kommt das ja, wenn man sich näher damit beschäftigt. (lacht) Das ist meine Hoffnung: dass die Leute sich intensiv auf „Knock Knock“ einlassen und sich dann in meiner Sekte einschreiben.

Carsten Schrader: Bei dem Discosong „Pick-up“ mit einem Sample von Gladys Knight unterschreibt man während des allerersten Hörens.

DJ Koze: Durch das Zusammenspiel von Gesang und dem Melba-Moore-Sample entsteht ein Strahl Euphorie, der dem Gehirn so wenig Zutaten gibt, dass man loslassen kann. Mich reizt an dem Stück, dass Melancholie und Euphorie so intensiv zusammengehen: Die Musik strahlt, aber Gladys Knight bringt diese Traurigkeit rein. Bei Disco bin ich ansonsten meist raus, weil mir das zu happy ist. Als Hamburger macht mich diese gute Laune fertig: Ich bin einfach nicht so ein Strahlemann.

 

 

Carsten Schrader: Wie erkennt man in einem Klassiker von Gladys Knight das Potenzial, ihn in eine andere Welt holen zu können?

DJ Koze: Ehrlich gesagt ist der Song das Ergebnis einer einzigen Nacht und einer halben Flasche Rotwein. Aber das ist ein seltener Glückstreffer: Meistens klingt der Ertrag von einer Nacht und einer halben Flasche Rotwein auch nur wie das Ergebnis aus einer einzigen Nacht.

Carsten Schrader: Bei der Spielzeit und dem Aufbau von „Knock knock“ ist es kaum zu glauben, dass du ohne Konzept gearbeitet hast.

DJ Koze: Ich habe einfach erst mal gesammelt – und hatte am Ende doppelt so viel Musik. Das Album ist ja jetzt eigentlich schon viel zu lang für unsere ADHS-kranke Gesellschaft, trotzdem wollte ich unsere Zivilisationskrankheit nicht mitdenken, denn dann dürfte das Album nur 30 Minuten lang sein. Ich veröffentliche jetzt einfach einen body of work, schiebe den mal so rüber – und verschwinde dann wieder für fünf Jahre. In fünf Jahren sollte es jeder schaffen, die Platte mal ganz durchzuhören.

Carsten Schrader: Ich höre auf der Platte ein Geburtsmoment, aber auch ein Sterben, dazwischen ein Leben und dann auch noch etwas, was über das irdische Dasein hinausgeht.

DJ Koze: Jetzt holen wir aber die ganz großen Metaphern raus: Wahrscheinlich ist das Album irgendwie schon auch ein Abbild meines musikalischen Lebens. Es gibt elektronische Musik – aber auch eine Abkehr vom Dancefloor. Außerdem ist da ein HipHop-Flavour und gleichzeitig ebenso die Abkehr davon: Ich kann diesen ganzen machistischen Rap nicht hören, liebe die Beats aber trotzdem noch. Deshalb war ich froh, mit Speech von Arrested Development zusammenarbeiten zu dürfen, den moderatesten effeminierten Country-Balisto-Rapper überhaupt. Er stand für mich immer für das Gegenteil von Militanz. Mit ihm habe ich versucht, ein Lied zu machen, das meine HipHop-Welt darstellen soll – und er hat dann auch gleich noch über die Liebesbeziehung zu seiner Frau gesungen. So richtig schön unmännlich drückt er mit seinem Text aus, dass er sie nie betrogen hat und nach 25 Jahren immer noch liebt. Das war der größtmögliche Pinselstrich HipHop, der in dieses Album gepasst hat. Insofern ist mein musikalisches Leben schon in dieser Platte verarbeitet. Ich bin jetzt erst mal leer.

Carsten Schrader: Einerseits sind auf „Knock knock“ extrem viele Gastsängerinnen vertreten, andererseits bindest du deine Kollaborationspartner niemals nur halbherzig ein. Róisín Murphy und Lambchop-Sänger Kurt Wagner haben ihre Texte ja auch selbst verfasst. Sind die dann auch inhaltlich voll eingebunden?

DJ Koze: Vor allem bei dem Róisín-Murphy-Stück „Illumination“ ist es ein ziemliches Hin und Her gewesen. Man darf nicht zu viele Morphing-Durchgänge machen, denn irgendwann verwässert das alles nur. Du kannst ja auch etwas zugrunde wirtschaften, indem du über das Ziel hinausschießt: Eben war es geil, aber jetzt ist es richtig scheiße, weil ich das zu genau formuliert oder zu perfekt zu Ende gebracht habe. Beim Malen hat man die Apfel-Z-Taste nicht, aber beim Musikmachen kann ich zwei Tage zurück und das dann einfrieren. Früher habe ich diesen Punkt gar nicht gespürt und manisch immer weiter an den Stücken rumgeschraubt. Wenn ich mir heute Sachen von früher anhöre, erkenne ich, dass ich diesen Punkt damals einfach nicht gesehen habe. Es ist herrlich, wenn dir deine innere Stimme sagt, dass es nicht mehr besser wird.

 

DJ Koze „Knock knock“ erscheint am 4. Mai

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