Contemporary Music

Hasst du mich lieb?

Lagerspalter Max Gruber alias Drangsal etabliert sich als größter Popstar des Landes. Jetzt muss er nur noch an dem Vorsatz arbeiten, weniger gegen die Kollegen zu ätzen.

Carsten Schrader: Max, was denkst du denn heute über den Typen, der vor zwei Jahren das Drangsal-Debüt veröffentlicht hat?

Max Gruber: Schwierig. Persönlichkeitstechnisch habe ich nicht resigniert, aber ich fühle mich etwas geläutert, weil ich viel zu viel Zeit damit verbracht habe, mich über Dinge auszulassen, die mich nerven. Diese ständige Negativität hat verhindert, dass ich mich mehr mit mir und meiner Musik beschäftige – und das ist dann nach außen mein USP geworden. Klar, ich kann das schon nachvollziehen, wo ich mich doch 20 Jahre lang aufgeplustert und so ein heftiges Geltungsbedürfnis entwickelt hatte: Ich wollte endlich zwischen all diesen anderen stattfinden. Leider bin ich dann aber emotional explodiert und habe versucht, wie ein Killdozer alles niederzumachen, was sich mir in den Weg stellt. Da war einfach eine falsche Erhabenheit dabei.

Carsten Schrader: Dann bist du jetzt so milde geworden, dass du mir auch gar nicht mehr erzählst, wie scheiße du das neue Album von Isolation Berlin findest?

Max Gruber: Deren neue Platte ist super. (lacht) Finde ich echt! Mit Milde hat das aber nichts zu tun, sondern ich glaube, dass ich da eher berechnend bin. Ich denke nicht mehr nur an in fünf Minuten, sondern der Weitblick reicht etwa für die nächsten fünf Monate. Meinen fair share of beefs habe ich jetzt gehabt, zuletzt einen mit Jennifer Rostock, den ich überhaupt nicht wollte und zu dem ich mich auch gar nicht geäußert habe. Als sie ein zwanzigminütiges Video veröffentlicht hat, in dem sie mich in Grund und Boden gerammt hat, und dann auch noch der Shitstorm von ihren Fans dazukam, da war bei mir dieser Punkt erreicht: Jetzt reicht es, ich kann das nicht mehr. Wenn ich damit nicht aufhöre, bin ich in zehn Jahren wie Morrissey und sage dann in Interviews vielleicht, dass man nur noch Ausländer sieht, wenn man durch Berlin läuft. Versteh mich nicht falsch – es gibt immer noch genug Sachen, die mich ankotzen, aber ich will mich da mal ein bisschen zurücknehmen. Jetzt bin ich ein Löwe, der auch mal eine Antilope an sich vorbeilaufen lässt. Ich bin so froh, jetzt mal wieder eine neue Platte zu haben und zeigen zu können, dass ich auch sehr gute Musik mache. (lacht)

Carsten Schrader: „Zores“ spiegelt ja deine Zerrissenheit zwischen großer Unsicherheit und Egomanie, die du mit Songs wie „Und du?“ und ganz besonders „Jedem das Meine“ thematisierst.

Max Gruber: Klar, das ist schon ein ironischer Blick auf meine Hybris. Vermutlich ist das aber auch die einzige Art und Weise, wie man seine Ängste überwinden kann. Wenn du Angst vor Skorpionen hast, musst du einfach mal einen auf die Hand nehmen. Ich kann den Leuten auch gar nichts anderes anbieten als mich nackt zu machen, da ich kein Storyteller wie Nick Cave bin. Ein Stück wie „Stagger Lee“ kann ich einfach nicht schreiben.

Carsten Schrader: In „Laufen lernen“ kollidiert die Überzeugung, sich nicht unterzuordnen oder anzupassen, mit dem Wunsch nach einer Verbindung wie etwa einer Beziehung. Auch da bist du vermutlich nur schwer auszuhalten, oder?

Max Gruber: Diese Getriebenheit und die Zerrissenheit sind ja auf einer persönlichen Basis noch mal sehr viel anstrengender. Man muss jemanden finden, der das balancieren kann und dem das nicht das eigene Leben komplett entzieht. Wer will denn schon immer Mama für den anderen sein? Damit habe ich schon ziemlich zu kämpfen – wobei ich erst im Nachhinein bemerkt habe, dass ich ganz viel darüber geschrieben habe. Aber es geht ja auch darum, dass man in seinem Kopf und in seinem Herzen mal Türen aufstößt, um da durchzulüften.

Carsten Schrader: In deinem engsten Umfeld scharst du dann wohl eher Leute um dich, die dir ein Ruhepol sind.

Max Gruber: Ich brauche auf keinen Fall jemanden, der so bipolar und von ADHS getrieben ist wie ich. Perfekt sind Leute, die mir ein Fels sind, aber mir auch mal einen vor den Latz knallen können und mir sagen, dass ich mich entspannen soll.

Carsten Schrader: So wie dein Produzent Markus Ganter, der dich ja auch dazu gebracht hat, schwerpunktmäßig auf Deutsch zu texten.

Max Gruber: Er hat mir zumindest die Tür aufgetreten, indem er mich dazu gezwungen hat, den Song „Will ich nur dich“ auf das ansonsten englischsprachige Debüt zu nehmen. Damals gab es einen Riesenstreit, bei dem er mich irgendwie überredet hat, und jetzt bin ich ihm extrem dankbar. Das bedeutete aber auch, dass ich mir die Zeit nehmen musste, um meinen eigenen Duktus zu finden. Wo kann ich mich in der deutschen Sprache verorten, in der es ja schon all die von Lowtzows und Distelmeyers und Bands wie Die Nerven und Messer gibt?

Carsten Schrader: Dabei sind ja selbst deine Facebookposts in einem unverkennbaren Sound verfasst.

Max Gruber: Irgendwie kann ich gar nicht anders als mich so merkwürdig geschwollen auszudrücken. Es gab auch noch nie den Fall, dass ich im Nachhinein die Sprache gewechselt habe, in der Regel entscheidet die Idee für eine erste Zeile, ob ich auf Deutsch oder auf Englisch texte. Gerade lerne ich Russisch, wer weiß, was sich da noch entwickelt.

Carsten Schrader: Wie sehr hat es dich denn genervt, dass bei der Vorabsingle „Turmbau zu Babel“ ständig der Vergleich mit Farin Urlaub kam?

Max Gruber: Ich musste mich schon sehr früh damit auseinandersetzen, denn als ich den Song an Markus und die Band geschickt habe, kam wirklich von allen der Einwand, dass der Song extrem nach den Ärzten klingt. Aber ich bin ja auch viel zu jung, um die älteren Sachen von denen zu kennen. Ich glaube, das erste, was ich bewusst wahrgenommen habe, war „Männer sind Schweine“ – und das ist ja fast schon eine Ska-Nummer. Aber natürlich ist Farin Urlaub ein extrem guter Sänger, an den ich niemals ’ranreiche.

Carsten Schrader: Trotzdem hinkt der Vergleich, weil Die Ärzte ja von Anfang an extrem kalauermäßig unterwegs gewesen sind.

Max Gruber: Genau. „Zu spät“ kenne ich natürlich auch. „Eines Tages werd‘ ich mich rächen, ich werd‘ die Herzen aller Mädchen brechen“: Diese Zeile finde ich geil, und die würde ich auch singen. Aber dann kommt so was wie: „Ich wusste nicht, dass er auch Karate kann (Hung dong tschabalahuti!)“ Das ist mir viel zu gagig, als dass ich darüber lachen könnte. Ich mag meine Musik einfach gern dramatisch und nicht witzig. Und ich glaube, einen Song wie „Turmbau zu Babel“ hätten Die Ärzte nie geschrieben: den Refrain vielleicht, aber niemals die Strophe.

Zores ist gerade erschienen.

„Jetzt bin ich ein Löwe, der auch mal eine Antilope an sich vorbeilaufen lässt.“

Ich schwitze Blut wenn ihr mich zwingt in eurem Rhythmus zu marschieren

Wenn ihr glaubt, ihr könnt mich kontrollieren

Auf heißer Glut werde ich unvorsichtig mit Zunder jonglieren

Bis ich und alles um mich explodiert

aus: Turmbau zu Babel

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(K)ein bisschen anbiedern

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