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Katrin Bauerfeind: „Alltagshass macht hässlich!“

Moderatorin Katrin Bauerfeind hat ein Buch über die Liebe geschrieben – in dem sie eine Frau erschlägt. Ein Interview über Kitsch, Kommerz und die Selbstverständlichkeit des Gefühls.

Jürgen Wittner: Frau Bauerfeind, warum haben Sie sich für Ihr neues Buch ein so hochkomplexes Thema wie die Liebe vorgenommen?

Katrin Bauerfeind: Ich habe mich für Liebe entschieden, weil da draußen der Hass so grassiert, und Hass ist immer total ernst, während Liebe sofort kitschig ist. Aus dieser Ecke wollte ich die Liebe rausholen. Ich glaube, dass wir sie jetzt gut gebrauchen können, wenn schon Turnschuhe unter dem Slogan ,There will be haters‘ verkauft werden. Wir können uns nicht dem Zynismus der Werbung und des Schlagers überlassen, wir müssen uns die Liebe zurückholen!

Jürgen Wittner: Sie thematisieren in einer Geschichte die Durchkapitalisierung der Liebe am Beispiel des Valentinstags. Die Flucht vor diesem Tag scheitert aber schon am Flughafen, weil Ihr Freund den Flug nach Lissabon versemmelt hat.

Katrin Bauerfeind: Ich glaube, dass die Liebe schon immer ihre Schwierigkeiten hatte je nach Zeitkontext. Früher ging es einfach darum, wie man Kohle behält oder möglichst viele Ländereien anhäufen kann oder noch drei Kamele dazubekommt. Das war auch nicht wahnsinnig geil! Trotzdem gibt es diese unfassbar große Sehnsucht der Leute nicht nur nach leeren Hülsen, kapitalistischen Auswüchsen oder irgendwelchen Hashtags, sondern nach etwas sehr Wahrem und Wahrhaftigem.

Jürgen Wittner: Sie haben im Buch dann ja auch die Antwort darauf.

Katrin Bauerfeind: Stimmt, wir treten keine schöne und romantische Reise an, die auf Instagram postbar wäre, sondern sitzen am Flughafen unter Neonröhren in irgendeinem Steakhouse. Irgendwann ist die Absurdität dann so groß, dass du sagst: Ok, wir tun jetzt einfach so, als wären wir in Lissabon, und dann trinken wir Sekt, stoßen an und sagen: Hier, Lissabon, ist es nicht schön? Am Abend geht man nach Hause, setzt sich in die Badewanne und tut immer noch so, als wäre man in Lissabon. Das ist mein Angebot: den Valentinstag nicht dem Kommerz zu überlassen, sondern für sich die Momente zu finden, wo das Herz hüpft.

Jürgen Wittner: Die Imagination schlägt die Realität.

Katrin Bauerfeind: Wir wissen doch alle: So ein Alltag kann wahnsinnig an den Nerven zehren. Der ist voll von Menschen, die in eine andere Richtung wollen als man selber. Man merkt das im Straßenverkehr und beim Bäcker in der Schlange, es gibt Tausende Situationen, wo einen das Zusammenleben mit anderen Menschen fordert. Es gibt jeden Tag hundert Möglichkeiten, sich abzufucken, gestresst zu sein oder genervt, von den Umständen und von anderen. Ich glaube, dass es da ein Gegengewicht braucht, und ja: Alltagshass macht hässlich!

Jürgen Wittner: … sagen Sie jetzt, während Ihr Alter Ego im Buch mit einem Hartschalenkoffer aus Versehen eine Frau erschlägt, die Sie gerade vom reservierten Platz in einem ansonsten leeren Zugwaggon vertreibt.

Katrin Bauerfeind: Ich hab extra den Satz erfunden: ,Man kann sich leichter am Hintern kratzen als am Herzen.‘ Für alle, die Angst haben, nur weil es um Liebe geht, würde es sofort kitschig. Aber vielleicht forscht diese Frau gerade an einem Medikament gegen Krebs und steht kurz vor dem Durchbruch? Man weiß es nicht. Ich plädiere deshalb dafür, dass man vielleicht weiterhin viermal ausrastet, aber bei jedem fünften Mal eben nicht. Sondern rausgeht und den anderen in Grund und Boden lächelt in der Hoffnung, dass die anderen es auch machen und man selber für irgendwen auch mal der Fünfte ist.

Jürgen Wittner: Das aus meiner Sicht ernsthafteste Kapitel des Buches ist das über die Liebe zu Ihrem Vater. Sie versuchen, ihn Ihrer Liebe zu versichern, und in der Folge endet alles in Missverständnis und Streit.

Katrin Bauerfeind: Die meisten von uns wissen, dass gerade Familie ein schwieriges Konstrukt ist, wo man am selbstverständlichsten Liebe erwartet – es ist ja schließlich die Familie –, wo aber die Wege oft verworren sind und die Gespräche von Missverständnissen gespickt. Falsche Erwartungen, Enttäuschungen: Alles gehört dazu. Ich wollte alle Seiten der Liebe zeigen. Nun komme ich aus einer Familie, wo am Wochenende immer geschimpft wurde: ,Warum kommsch du so spät? Warsch du wieder betrunke? Hasch des Schlüsselloch ned gefunde?‘ Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen: Das ist geschimpfte Liebe. Das geht aber nicht nur mir so, denn auf dieses Kapitel bekomme ich unfassbar viele Reaktionen. Ich habe die Geschichte als Schwäbin an Schwaben festgemacht, aber ganz viele Rückmeldungen aus Brandenburg oder Nordrhein-Westfalen sagen: ,Bei uns ist es genauso.‘ Ich mag diese Geschichte sehr, weil sie zeigt, dass man manchmal nur über Schwierigkeiten an das Ziel „Liebe“ kommt.

 

Tournee zum Buch „Alles kann – Liebe muss“
6. 4. Bochum, 7. 4. Osnabrück, 8. 4. Oldenburg, 11. 4. Bremen, 12. 4. Hamburg, 25. 4. Freiburg, 26. 4. Mannheim, 17. 5. Nürnberg, 19. 5. Stuttgart, 25. 4. Erfurt

Tickets sind z. B. hier bei Reservix oder Eventim erhältlich.

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