Marc-Uwe Kling: „Weiß der Teufel!“

Wen soll man noch wählen? Keine Ahnung, sagt der Musiker, Literat und Poetryslammer Marc-Uwe Kling – und kriegt dafür einen Preis.

uMag: Herr Kling, Sie werden in diesem Jahr den Bayerischen Kabarettpreis erhalten, Sparte Senkrechtstarter. Die Begründung: Sie kritisieren nicht nur die Konservativen, sondern vor allem auch das rot-grüne Establishment. Sehen Sie diese Gewichtung ähnlich?
Marc-Uwe Kling: Dieser Eindruck entsteht vielleicht dadurch, dass es mir wichtig ist, zuerst vor der eigenen Haustür zu kehren, also mich mit der Partei meiner Eltern und nicht mit der Partei der ehemaligen Chefs meiner Eltern auseinanderzusetzen. Im Kern betreiben aber alle Parteien, sobald sie an der Macht sind, die selbe wahnsinnige Politik.

uMag: Kommt es öfter zu solchen Missverständnissen?
Kling: Na ja. Viele Menschen scheinen ein Art binäres Weltbild zu haben. Wenn jemand die SPD kritisiert, dann muss er CDU-Wähler sein!

uMag: Ihr Lied „Zug der Opportunisten“ ist eine so furiose wie lustige Abrechnung mit den Grünalternativen. Was können Sie denen gar nicht verzeihen?
Kling: Sie haben ihre Jahre an der Macht schlecht genutzt. Selbst den Atomausstieg haben sie so wackelig fabriziert, dass er locker wieder umgestoßen werden konnte. Der größte Sündenfall war aber der Kriegseinsatz gleich zu Beginn der Regierungszeit. Wenn man die deutsche Geschichte schon nicht mehr als Verpflichtung versteht, so hätte man sie doch wenigstens als Ausrede benutzen können. Nach dem Motto: Ja, ja! Wir würden ja gerne mitmachen bei eurem schönen Krieg, aber wir hatten da ein zwei schlechte Erfahrungen …

uMag: Sie sehen überall nur Scheißvereine, die Grünen sind Opportunisten, und Josef Ackermann kriegte schon auch mal eine Morddrohung per Song: Können Sie denn immer nur negativ sein?
Kling: Es gibt ein wunderbares Gedicht von Erich Kästner, wo er darüber berichtet, dass er immer wieder von Leuten Briefe bekommt, in denen steht: „Aber Herr Kästner, wo bleibt das Positive?“ Und seine Antwort ist: „Ja, weiß der Teufel wo das bleibt!“

uMag: Sie machen ja angeblich Kabarett. Dieses Genre ist aber schon vor Jahrzehnten für tot erklärt worden. Treiben Sie Unzucht mit einer Leiche?
Kling: (lacht) Nein. Das ist ja ein kruder Mischmasch aus allem, was mir auf der Bühne Spaß macht. Ich hab mich nie als Kabarettist gesehen. Es ist nicht so, dass ich jetzt ein Problem mit diesem Begriff hätte. Ich mache Musik, und ich schreibe Geschichten. Wie die Leute das jetzt nennen, das dürfen die selbst entscheiden.

uMag: Sie haben nach Ihrem Ackermann-Song länger niemanden mehr explizit abgewatscht. Ist nicht wieder mal jemand fällig?
Kling: Ich hab letztens zusammen mit dem Känguru …

uMag: Ihr WG-Kumpel auf der Bühne.
Kling: … ein neues Konzept entwickelt, und zwar anhand dieses Typs, der John Lennon erschossen hat. Der wollte ja mit seiner Tat berühmt werden. Die Idee, die man damals nach dem Mord hatte, war, niemals den Namen dieser Person zu nennen, damit er mit seiner furchtbaren Tat keinen Erfolg hat. Wir dachten nun, dass ich nach demselben Prinzip in naher Zukunft nichts mehr über Politiker, Wirtschaftsmagnaten oder Promis in meine Texte einbauen werde, um ihnen den Platz in der Geschichte zu verweigern.

uMag: Sie als der Platzanweiser in der deutschen Geschichte? Ein schöner Ansatz!
Kling: Na ja, vielleicht bin ich nicht der Platzanweiser, sondern der Ausrufer, der Idee mal vorträgt und schaut, was passiert. Die Grundidee dahinter ist natürlich, dass die Namen irrelevant sind. Dass die Figuren austauschbar sind. Das war ja auch schon die Grundidee hinter dem Ackermann-Song, nur haben das viele Menschen nicht verstanden.

uMag: Was geschieht denn demnächst mit dem Känguru? Gibt es neue Geschichten?
Kling: Ich schreibe gerade ein neues Buch, eine Fortsetzung der „Känguru-Chroniken“. Da geht es auch um den Migrationshintergrund des Kängurus. Um all die Probleme, die es jetzt mit den neuen Rechtspopulisten hat.

uMag: Das Känguru in der Defensive?!
Kling: Das hab ich nicht gesagt!

uMag: Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee zu einem Känguru als WG-Kumpel? Es ist ja ein genialer, imaginärer Sidekick auf der Bühne.
Kling: Na ja, das Känguru ist ja keineswegs imaginär, also … Das ist ja alles so passiert.

uMag: Ach! Hatte ich doch glatt vergessen!
Kling: Ja. ich weiß, manchmal denkt man, das kann doch alles so gar nicht passieren.

Die CD [*Marc-Uwe Kling & Die Gesellschaft*] mit neu eingespielten Songs aus Klings Bühnenprogrammen ist am 15. Januar erschienen
Auf Tour ist [*Marc-Uwe Kling*] derzeit mit den Programmen „Das Känguru-Manifest“ und „Mein Leben“ sowie mit der Gruppe [*Die Lesedüne*] mit dem Programm „Über Wachen und Schlafen“.

Marc-Uwe Kling: „Weiß der Teufel!“ • Listening

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