Im Rausch der Tiefe

Mit einem sehr persönlichen Album macht Pianist Federico Albanese den Schritt vom Eigenbrötler zum Teamplayer. Eindeutige Abfuhren verteilt der italienische Pianist aber trotzdem noch.

Carsten Schrader: Federico, auf dem Cover deines neuen Albums „By the deep Sea“ bist du klar und deutlich zu erkennen. Das war bei den verwaschenen Farben des Vorgängers noch ganz anders …

Federico Albanese: Das Artwork soll meine persönliche und musikalische Entwicklung spiegeln. „The blue Hour“ war ein zwielichtiges Album, bei dem ich selbst noch nicht so genau wusste, wohin ich gehen will. Als Konzept hatte ich den Dämmerzustand zwischen Tag und Nacht gewählt, bei dem die Dinge im Unklaren bleiben und ich mich nicht festlegen muss. Jetzt wollte ich mir beim Komponieren keine Beschränkungen mehr auferlegen und persönlicher werden.

 

Cover Federico Albanese

 

Carsten Schrader: Fiel dir das leichter, weil du häufig von Improvisationen ausgegangen bist und nicht mit einem übergeordneten Konzept gearbeitet hast?

Federico Albanese: In den letzten Jahren sind so viele Dinge passiert, die ich emotional verarbeiten musste. Ich war fast ununterbrochen auf Tour, bin Vater geworden und habe viele spannende Leute getroffen. Deswegen musste die Platte unterwegs entstehen. Wo immer sich die Gelegenheit ergab und ich auf einen spannenden Raum oder ein gutes Klavier gestoßen bin, habe ich aufgenommen.

 

 

Carsten Schrader: Einerseits hast du deinen eigenen Stil gefunden, mit dem du dich von Kollegen wie Nils Frahm oder Max Richter emanzipierst, andererseits sind die Stücke sehr heterogen und so opulent wie nie zuvor arrangiert. Während im Opener „682 Steps“ Synthieklänge zu hören sind, wird dein Klavierspiel bei „Minor Revolt“ von dramatischen Streichern flankiert.

Federico Albanese: Früher habe ich fast alles im Alleingang gemacht, aber jetzt öffne ich mich. Auch „By the deep Sea“ kann ich auf Tour mit Sampler und Loopstation komplett im Alleingang umsetzen, trotzdem arbeite ich auch auf der Bühne immer häufiger mit anderen Musikern. In der Hamburger Elbphilharmonie werde ich etwa mit einem Streichquartett auftreten und komplett auf Elektronik verzichten.

Carsten Schrader: Das Eröffnungsstück „682 Steps“ bezieht sich auf den Fußweg vom Haus deiner Mutter zu einem Fels am Meeresufer.

Federico Albanese: Meine Mutter ist erst vor ein paar Jahren in dieses Haus gezogen, aber ich kenne diesen Ort bereits seit meiner Kindheit und verbinde ihn mit so vielen Erinnerungen. Das tosende Meer symbolisiert für mich die sehr aufrichtigen Selbstgespräche auf dieser Platte. Oft war ich selbst überrascht, was in den Kompositionen zum Ausdruck kommt. Ich kann mich voller Euphorie wegen der Geburt meines Sohnes ans Klavier setzen, doch dann entsteht ein Stück, das meine Angst abbildet, mit dieser neuen Rolle nicht fertig zu werden.

Carsten Schrader: Mit „Mauer Blues“ und „Boardwalk“ sind auch Berlin-Referenzen vertreten. Erlebst du die Stadt noch als so inspirierend wie bei deiner Ankunft vor sechs Jahren.

 

In Berlin lernte er, dass ein Pianist „mehr wagen kann und edgy sein darf“

 

Federico Albanese: Für mich war der Umzug nach Berlin ein Befreiungsschlag. Ich bin auf eine Szene gestoßen, die es damals in Mailand nicht gegeben hat: Auch wenn ich mich nicht als Elektronikproduzent begreife, habe ich gelernt, dass ich als Pianist mehr wagen kann und edgy sein darf. Heute gehe ich zwar weniger aus, trotzdem finde ich immer noch spannende Konzerte und Kunstprojekte, wann immer mir danach ist.

Carsten Schrader: Du hast das Glück, dass du dich vor dem sogenannten Neoklassikboom etablieren konntest.

Albanese: Ach, ich sehe das gar nicht so negativ. Musiker wie Nils Frahm waren plötzlich so erfolgreich, weil es nach dem Overkill von Castingshows und Plastikpop einfach ein Bedürfnis nach ruhiger Musik gegeben hat. Es ist doch schön, wenn sich junge Menschen jetzt lieber ans Klavier setzen statt mit Soundkonserven zu spielen.

Carsten Schrader: Eine Castingshow für junge Pianisten, die auch mit Elektronik experimentieren, ist aber auch gar nicht mehr so abwegig.

Federico Albanese: Oh Gott, meinst du wirklich? (lacht) Da brauchen sie mich aber gar nicht erst zu fragen, ob ich mich in die Jury setze.

 

Federico Albanese „By the deep Sea“ ist bei Edel erschienen.

 

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