Contemporary Music

Vance Joy und die Romantik der Zahnlücke

Songwriter, die jeden persönlichen Pups in eine Herzschmerzballade verwandeln? Öde, findet der Australier Vance Joy („Riptide“)! Dann lieber literarisch wertvoll singen – oder über ausgeschlagene Zähne. Das dürfen dann sogar die eigenen (gewesen) sein.

Steffen Rüth: Vance, in der Pause nach deiner zweijährigen Welttournee hast Du Skateboard fahren gelernt. Ist das nicht eher was für Teenager als für 30-jährige Herren?

Vance Joy: Wenn du jung bist, ist der Körper flexibler und du reißt dir nicht so schnell die Sehnen. Ich hatte auch echt ganz schön Angst am Anfang. Doch wenn du einen neuen Trick gelernt hast, ist das ein unheimlich befriedigendes und geiles Gefühl. Skaten macht irre Spaß. Ich fahre zusammen mit einem alten Schulfreund. Andere haben einen Golfkumpel, ich habe einen Skatekumpel.

Steffen Rüth: Anscheinend ist für dich ja ohnehin Fahrradfahren gefährlicher. In „Little Boy“ erzählst Du von einem Radunfall als Kind. Was war passiert?

Vance Joy: „Little Boy“ ist mein persönlichster Song: Ich war acht oder neun, als ich vom Rad fiel, ohnmächtig wurde und einer meiner vorderen Schneidezähne in zwei Hälften zerbrach. Danach brauchte ich eine Woche nicht in die Schule zu gehen – es hat sich also auch irgendwie gelohnt, und der Zahn ist jetzt ein künstlicher.

 

Steffen Rüth: Deine Lieder sind sonst nicht so persönlich?

Vance Joy: Genau. Ich lese sehr viel und schreibe eher wie ein Schriftsteller. Über den Alltag von Menschen zu berichten kann sehr langweilig sein, so nach dem Motto „Ich saß am Küchentisch und aß ein Käsebrot“. Man muss es schaffen, kleine Momente mit Bedeutung niederzuschreiben, mit denen sich viele Leute identifizieren können. Und dann gibt es Stücke wie meine aktuelle Single „Lay it on me“, die gar keine große Aussage hat, sondern einfach knackige Energie versprühen soll.

Steffen Rüth: Kannst Du dir im Abstand von drei, vier Jahren erklären, warum „Riptide“ ein solcher Erfolg war?

Vance Joy: Einen Song zu schreiben ist vergleichbar mit dem Lösen eines Sudokus. Wenn alle Elemente nahtlos und wie selbstverständlich ineinanderpassen, dann ist er gut. Bei „Riptide“ war das der Fall. Aber wie ich dahingekommen bin? Ich weiß es nicht mehr.

Steffen Rüth: Du bist unter anderem mit Taylor Swift getourt. Was hast Du dabei gelernt?

Vance Joy: Wie man mit dem Publikum interagiert. Die Menschen mögen es, wenn du sie einbeziehst und so wirkst, als möchtest du am liebsten mit allen ein Bier trinken gehen nach der Show. Naja, großartig verstellen muss ich mich dafür nicht (lacht).

Vance Joys Debütalbum „Dream your Life away“ ist 2014 erschienen, das aktuelle zweite Album heißt „Nation of Two“.

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