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James Baldwin: Böser schwarzer Mann?

Im Kampf gegen Rassismus ist er nach wie vor unverzichtbar – weil James Baldwin so richtig schön persönlich werden kann.

Natürlich wird James Baldwin als eine der prägenden Stimmen der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung verehrt, doch seit der Erstarkung des Rassismus unter Trump und #blacklivesmatter ist der vor gut 30 Jahren verstorbene große schwarze Schriftsteller so gegenwärtig wie lange nicht: Wenn Ta-Nehisi Coates in seinem Bestseller „Zwischen mir und der Welt“ beschreibt, wie es sich heute anfühlt, als Schwarzer in den USA aufzuwachsen, bezieht er sich auf Baldwins im Jahr 1962 erschienenen Essay „The Fire next Time“, HipHop-Stars wie Jay-Z und Beyoncé zitieren Baldwin in ihren Musikvideos, die Baldwin-Doku „I am not your Negro“ feiert im Kino große Erfolge, und „Moonlight“-Regisseur Barry Jenkins arbeitet derzeit an einer Verfilmung des Baldwin-Romans „If Beale Street could talk“. James Baldwin ist überall – nur nicht in deutschen Buchhandlungen: Bis auf das schwule Beziehungsdrama „Giovannis Zimmer“ sind seine Bücher längst vergriffen und können bestenfalls antiquarisch beschafft werden.

 

Baldwins semiautobiografischer Debütroman von 1953 bekommt eine Neuübersetzung von Miriam Mandelkow

 

Da ist es mehr als überfällig, dass dtv jetzt eine großangelegte Wiederveröffentlichung startet. Den Anfang macht „Go tell it on the Mountain“, Baldwins semiautobiografischer Debütroman aus dem Jahr 1953, der in der Neuübersetzung von Miriam Mandelkow unter dem Titel „Von dieser Welt“ läuft: Im Harlem der 30er leidet der sensible John Grimes unter seinem gewalttätigen Vater, einem aus dem Süden eingewanderten baptistischen Prediger, der seinen Hass auf die Weißen mit einer übersteigerten Religiosität kompensiert. Als am Tag von Johns 14. Geburtstag sein jüngerer Bruder Roy von mehreren Messerstichen verletzt wird, kommt es beim abendlichen Gottesdienst zu einem großen Familiengerichtstag: In Form von inneren Monologen durchleuchtet Baldwin die Geschichte von Johns Eltern und seiner Tante. In Gedanken lässt er sie in die ländlichen Südstaaten zurückkehren, wo ihre Vorfahren das Elend der Sklaverei erleben mussten, er erzählt von den Hoffnungen auf ein besseres Leben in New York, legt ihre Lügen, Schuld und Heuchelei offen – und zeichnet im Kontrast einen jugendlichen Helden, der den Handlungskonstrukten seiner Familie entkommen will und sich doch nach Zugehörigkeit sehnt.

 

bis heute von ungebrochener Relevanz

 

„Er schrieb in seinen Romanen und Erzählungen nicht aus der Rolle des engagierten Afroamerikaners für die Sache der Schwarzen heraus“, analysiert die Journalistin und Autorin Verena Lueken in ihrem Vorwort zu „Von dieser Welt“ – und genau in dieser Tatsache begründet sich Baldwins bis heute ungebrochene Relevanz. Statt generalisierende Anklagen zu erheben, hat er sich gegen eine Fragmentierung seines Ichs zur Wehr gesetzt. Schwuler Schriftsteller? Böser schwarzer Mann? Baldwin hat sich gegen diese Kategorisierungen verwehrt, indem er gefragt hat, ob sie nicht einzig und allein etwas über diejenigen aussagen, die sie ihm zuschreiben wollen.

 

James Baldwin „Von dieser Welt“ ist bei dtv erschienen.

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