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Josefine Rieks Debütroman „Serverland“: Zurück aus der Zukunft

Mit ihrem clever konstruierten Debütroman „Serverland“ seziert Josefine Rieks unsere Gesellschaft, deren größtmögliche Katastrophe schon längst nicht mehr ein Atomkrieg wäre.

Carsten Schrader: Josefine, für „Serverland“ hattest du eine geniale Idee: Du verlegst die Handlung etwa 50 Jahre in die Zukunft. Das Internet ist seit Jahrzehnten abgeschafft, weil es der Menschheit Schaden zufüge – doch dann gelingt es einer Gruppe von Jugendlichen, die lange stillgelegten Server anzuzapfen und sich alte Youtube-Videos anzusehen. Auf einem alten Industriegelände in den Niederlanden formiert sich nach und nach eine Jugendbewegung, die eine Gesellschaft idealisiert, die alles miteinander teilt. Wie bist du bloß auf diesen Dreh gekommen, der eine völlig neue Perspektive auf unsere Gegenwart anbietet?

Josefine Rieks: Ich habe die Geschichte „Schwarze Spiegel“ von Arno Schmidt gelesen, die in einer Zeit nach dem Dritten Weltkrieg spielt. Am Rande wird erwähnt, dass es einen Atomkrieg gegeben hat, und die Hauptfigur läuft durch eine menschenleere Heidelandschaft. Er ist ein Misanthrop, der es irgendwie auch ganz geil findet, dass es keine Menschen mehr gibt, und so wühlt er in den verlassenen Häusern herum und liest die Post, die er aus Briefkästen zieht. Er bewegt sich in einer Infrastruktur des Vergangenen, und dieses Gefühl habe ich aus Arno Schmidts Geschichte geklaut.

Carsten Schrader: Bist du mit Jahrgang 1988 ein Digital Native?

Josefine Rieks: Ich kann mich eigentlich nicht an eine Zeit erinnern, in der es kein Internet gab. Von daher trifft dieser Begriff wohl auf mich zu.

Carsten Schrader: Du überführst den Atomkrieg bei Arno Schmidt in eine Gesellschaft, die offline gehen muss.

Josefine Rieks: Wir leben in einer Gegenwart, die sich den Entwurf einer digitalen Gesellschaft zum Ziel gemacht hat. Das ist es doch, woran wir vermutlich glauben – und wenn das scheitern würde, dann wäre das die größtmögliche Katastrophe.

Carsten Schrader: Dann ist dein Roman ein Rettungsversuch?

Josefine Rieks: Ich würde auf jeden Fall sagen, dass mein Buch überhaupt nicht kulturpessimistisch ist.

Carsten Schrader: Trotzdem beschreibst du die Jugendlichen ja mit einem entlarvenden Blick, der sich in seinem Ausgangspunkt gar nicht allzu sehr von all diesen banalen Deutschpopliedern unterscheidet, die das Internet als Antagonisten von wahrer Zwischenmenschlichkeit begreifen.

Josefine Rieks: Es gibt einen morbiden Humor, und Pop hat doch eigentlich immer etwas mit morbidem Humor zu tun. Ein richtiger Schrecken oder ein richtiges Trauma lässt sich nicht mehr durch eine Tragödie beschreiben: Das wird dann obszön, und man wird zum Voyeur. Vielleicht kann man es mit Bret Easton Ellis vergleichen, der mit „American Psycho“ den Schrecken der Oberflächlichkeit erkennt und versucht, ihn mit morbidem Humor fühlbar zu machen und so damit umzugehen.

Carsten Schrader: Aber kannst du in deinem Roman auch Hoffnungsträger ausmachen?

Rieks: So hoffnungslos finde ich das alles eigentlich gar nicht. Die Jugendlichen glorifizieren die Gesellschaft, in der wir heute leben, und glauben an diese ein bisschen hippieske Utopie der Vernetzung. Statt LSD zu nehmen und so zu erreichen, dass sich Bewusstseine vernetzen, gehen sie den Weg über das Technische. In den USA gibt es einen Diskurs darüber, dass die Ideale der Netzwerkgesellschaft aus der Hippiekultur entstanden sind.

Carsten Schrader: Auf dem Fabrikgelände verkehrt sich die Utopie ja aber sehr schnell in eine Dystopie.

Josefine Rieks: Sie stoßen da auf ein Dilemma. Der Kern jeder Bewegung ist es ja, möglichst viele Menschen von einer bestimmten Idee zu überzeugen – nur verliert man dann eben auch sehr schnell die Kontrolle, und der Kern der Idee kann schwammig werden. Es kommt zu Momenten einer Institutionalisierung, womit ja auch mein Protagonist ganz besonders zu kämpfen hat, weil er dadurch das Gefühl verliert, in dieser Bewegung auserwählt zu sein.

Carsten Schrader: Bei ihm ist es ein übersteigertes Geltungsbedürfnis, das sich aus seinem Einsiedlerdasein heraus erklärt. Aber die Ideale der Jugendbewegung werden ja etwa auch von kommerziellen Interessen zersetzt.

Josefine Rieks: Trotzdem glaube ich aber, dass dahinter noch immer eine Utopie ist. Nur weiß ich gar nicht, ob es überhaupt wünschenswert ist, dass so eine Hippie-Utopie Realität wird. Wenn in Bereichen der gesellschaftlichen Avantgarde wie der New Economy davon gesprochen wird, dass man flexibel sein muss und jeder Mensch frei sein sollte, um sein kreatives Potenzial auszuschöpfen zu können, dann ist das ja eigentlich auch ein hippieskes Narrativ. Ist das wirklich die beste Utopie? Vielleicht ist das auch einfach eine große Rede von ganz viel Freiheit, die dann aber auf ganz großer Ebene gar nicht so viel Freiheit meint.

Carsten Schrader: Jenseits des Industriegeländes, auf dem der Roman hauptsächlich spielt, hast du dir die Gesellschaft in 50 Jahren als sehr repressiv vorgestellt?

Josefine Rieks: Eher regressiv. Nach dem Zusammenbruch der digitalen Gesellschaft ist es vielleicht mit Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg oder der Sowjetunion nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems vergleichbar: eine sehr tote Gesellschaft, die irgendwie gelähmt ist und wenig Visionen hat. Und sie ist von Scham gezeichnet, weil etwas zusammengebrochen ist, wovon man überzeugt gewesen ist. Ich habe mich bei dem Entwurf von meiner Vorstellung leiten lassen, wie es wohl in den 50ern gewesen ist.

 

Josefine Rieks Debütroman „Serverland“ ist im Hanser Verlag erschienen.

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