Contemporary Music

Endstation Endstation?

Katharina Behrendsen wagt sich ans Ende der Welt. Naja, der Stadt.

San Francisco, Stockholm, Rio: Es gibt schon tolle Städte auf dieser Welt. In einigen davon war ich. In andere werde ich noch fahren. Träumen tue ich allerdings gerade von ganz anderen Orten. Sie heißen Pinneberg, Wedel oder Norderstedt. Sie könnten auch Erding oder Holzkirchen heißen. Oder Strausberg Nord. Dass es keine schönen Träume sind, muss ich nicht extra erwähnen, oder?

Es sind düstere Gedanken. Denn die Stadt mag uns zwar groß genug sein – unsere Wohnung ist es nicht. Und da sind wir mitnichten die Einzigen. Eher scheint es: Wir Suchenden sind Fische in einem großen Schwarm. Es gibt uns im Überfluss, und egal wie gierig die Immobilienhaie werden, irgendeiner wird ihnen immer freiwillig in den Rachen schwimmen, wenn mit Szenevierteln, Citynähe oder neuerdings auch nur „dem Stadtteil neben“ gelockt wird. Klar, wir wollen es festhalten, unser liebgewonnenes Leben, unsere urbane Routine, in der Kino und Kneipe, Kiez und Konsum maximal eine Fahrradfahrt entfernt sind. Wir wollen uns aber auch verlieben, vielleicht vermehren, wir wollen uns einen Hund anschaffen oder ein weiteres Bücherregal und nicht immer bloß im Basilikumtopf gärtnern. Darum träumen wir von versteckten Hinterhöfen und Dachterrassen, von ausgedienten Fabriketagen und erschwinglichen Altbauten, die mit ein bisschen Farbe wie neu aussehen. Wir gehen mit offenen Augen durch die Straßen und verlieben uns mit jedem lebenswerten Winkel, den wir entdecken, noch ein bisschen mehr in unsere Stadt.

Und dann? Dann steigen wir in die S-Bahn. Und fahren. Und fahren. Bis es nicht mehr weitergeht. Bis wir in Pinneberg oder Wedel oder Norderstedt sind. Und wir fragen uns, ob wir nicht auch hier glücklich sein könnten. Glücklicher gar. Quadratmeter im Tausch gegen Haltestellen, so unfair ist das doch nicht. Aber alles, was wir denken können ist: Endstation. Die Bekannten, die sich hier kürzlich ein Häuschen kauften, von denen haben wir nie wieder gehört, oder? Und haben wir nicht aufgeatmet, als die Freunde nach langem Hin und Her doch lieber in „den Stadtteil neben“ als ans Ende des Streckennetzes zogen? Wir schaffen es nicht, uns umzudrehen. Schaffen es nicht, zu sehen, dass die Fahrt hier nicht nur endet, sondern auch beginnt. Vielleicht sollte die S-Bahn mal ihre Ansage ändern.

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