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Lucy Fricke: „Ich gehöre jetzt wohl zur alten, schmutzigen Generation“

Lucy Fricke hat mit „Töchter“ nicht nur einen verdammt guten Roman geschrieben, sie verrät im Interview auch, warum sie neuerdings auf Desillusion steht – und beim Nacktsein auch gar nicht gut aussehen will.

„In schlechten Momenten habe ich mich gefragt: Wen interessiert das?“, berichtet Lucy Fricke von den Zweifeln während des Schreibprozesses. „Jetzt ist das schon wieder so ein Fricke-Roman geworden, und von diesem autofiktionalen Ding kann man ja auch wirklich mal die Schnauze voll haben.“ Doch mal davon abgesehen, dass ihre bisher erschienenen drei Romane allesamt extrem lesenswert und trotz der persönlichen Bezüge sehr heterogen ausgefallen sind, übersieht die in Berlin lebende Autorin, was für ein Sprung ihr vierter Roman ist. Klar, die Protagonistin Betty ist wie Fricke Anfang 40 und teilt ihren Blick auf das Leben – nur hat der Plot von „Töchter“ rein gar nichts mit einer larmoyanten Selbstbespiegelung gemein: Mit ihrer besten Freundin Martha macht Betty sich auf, um Marthas todkranken Vater auf seiner letzten Reise in ein Schweizer Hospiz zu begleiten. Doch das ist nur der Anfang eines Roadtrips, der die beiden Heldinnen nach vielen überraschenden Wendungen über Italien bis nach Griechenland führt, und im letzten Drittel des Romans nimmt Fricke sich dann auch noch die Freiheit raus, einfach mal radikal das Genre zu wechseln.

 

spannend und wunderbar absurd

 

So spannend und wunderbar absurd die Handlung auch ist, ins Herz schließt man „Töchter“ vor allem wegen der Ich-Erzählerin Betty: Immer wieder haut sie Wahrheiten über die Liebe und das Leben raus, die man sich am liebsten an die Wand heften möchte. Das funktioniert, weil diese Wahrheiten nicht nur schmerzhaft, sondern auch ungemein lustig sind.

Mit Betty präsentiert sie eine Heldin, die in ihrem Leben viel einstecken musste, sich damit aber ganz okay arrangiert hat und sich nun mit der Herausforderung konfrontiert sieht, dass diese klar abgesteckte Welt sich verändert. Mit Sarkasmus hält sie dagegen, und ihre Betty muss kein Gegenüber fürchten – höchstens sich selbst. „Ich habe eine wahnsinnige Panik davor, zynisch zu werden, denn Zynismus hat etwas sehr Trauriges und Verlorenes. Im Leben und auch im Buch balanciere ich immer zwischen Sarkasmus und Zynismus.“ Doch liest man „Töchter“ – und spricht mit Lucy Fricke darüber –, macht man sich ihren Gleichgewichtssinn keine Sorgen …

 

Carsten Schrader: Lucy, mit deinem vierten Roman „Töchter“ machst du einen unglaublichen Sprung.

Lucy Fricke: Ich weiß gar nicht, ob ich etwas anders gemacht habe. Auf jeden Fall habe ich ganz viel rausgelassen. Vielleicht habe ich ungezähmter und unkontrollierter geschrieben, mich nicht so sehr den eigenen Zwängen ergeben. Einerseits wollte ich persönlicher werden und mehr dahin gehen, wo es weh tut, andererseits wollte ich wilder sein. Eigentlich ist die Handlung ja total wild: Man kann nicht sagen, dass es einen logischen Handlungsverlauf hat, sondern der Plot biegt immer wieder irgendwo ab.

Carsten Schrader: Obwohl du wie gehabt sehr düstere Themen ansprichst und die Lebensbilanz deiner Protagonistinnen mit Anfang 40 ziemlich bitter ausfällt, ist der Roman auch unsagbar komisch.

Lucy Fricke: Das einzugestehen ist mir jetzt auch ein bisschen peinlich, aber ich habe beim Schreiben gelacht. Ich saß alleine am Computer und fand mich selbst witzig. Tatsächlich kann ich auch nicht mehr anders schreiben, als immer wieder mit Humor Brüche in den Text einzubauen. Das macht mir Spaß und das lese ich auch gern bei anderen. Diese Distanz, die Humor schafft, ist wichtig. Man geht auf eine andere Ebene und kann ein bisschen runtergucken auf das Elend, auch auf das eigene. Das ist ein Verfahren, dass ich mehr und mehr perfektioniere – persönlich wie auch beruflich. (lacht)

Carsten Schrader: Dann ist „Töchter“ so humorvoll, weil der Roman auch so persönlich ist und du den Humor als Schutzschild verwendest?

Lucy Fricke: Ich weiß gar nicht, ob es Schutz ist. Distanz ist es auf jeden Fall. Aber der Humor ist ja relativ hart und tut ja auch weh. Das sind vielleicht auch Sachen, die man ohne Witz nicht aussprechen möchte. Oder nicht kann, weil das dann auch zu bitter und nicht zumutbar ist.

Carsten Schrader: Dir selbst ist im Schreibprozess aber nicht aufgefallen, dass sich da große Veränderungen vollzogen haben?

Lucy Fricke: Ich habe zwei, drei Jahre an dem Buch geschrieben, und über die Hälfte habe ich eher nebenbei geschrieben. Ich bin viel gereist, war ständig unterwegs und habe nebenher Notizen gemacht – bis ich irgendwann versucht habe, daraus einen Roman zu machen. Die Arbeit am letzten Drittel war dann sehr konzentriert, ich habe mich zuhause eingeschlossen. Es war aber nie so, dass ich wirklich ein Gefühl für den Roman hatte. In schlechten Momenten habe ich mich gefragt: Wen interessiert das? Jetzt ist das schon wieder so ein Fricke-Roman geworden, und von diesem autofiktionalen Ding kann man ja auch wirklich mal die Schnauze voll haben kann. In all meinen Büchern ist es immer ein sehr persönliches Schreiben. Ist das nicht langsam langweilig?

 

„Ich hatte natürlich einen Plan … nur hat der sich schnell in Luft aufgelöst.“

 

Carsten Schrader: Du haust beim Plot doch auch ziemlich auf die Kacke. Die Handlung ist nie vorhersehbar, immer wieder gibt es absurde Wendungen, und im letzten Drittel wechselst du auch einfach mal das Genre.

Lucy Fricke: Es ist ja kein realistischer Roman. Ich bin oft gelangweilt, wenn ich Bücher lese, wo alles begründbar und logisch ist. Immer ist alles so, wie es eben sein muss. Vielleicht ist „Töchter“ aus Langeweile heraus ein bisschen überdreht. Ich hatte natürlich einen Plan, als ich angefangen habe, nur hat sich dieser Plan sehr schnell in Luft aufgelöst. Manchmal habe ich geschrieben und wusste wirklich nicht, was in zehn Seiten passiert. Sich das Schreiben zu trauen, ohne zu wissen, was handlungsmäßig passieren soll, war schon ein bisschen waghalsig. Aber da denkt man dann: Mein Gott, ich habe jetzt schon drei Romane geschrieben, irgendwie werde ich schon einen Weg da rausfinden. Die Haltung des Romans war mir ja schließlich klar.

Carsten Schrader: Auch wenn der Humor zunächst darüber hinwegtäuscht, hat es bislang in keinem deiner Romane bisher so viele bittere Wahrheiten gegeben wie in „Töchter“.

Lucy Fricke: Vielleicht ist der Roman ein bisschen radikaler. Ich glaube, das liegt einfach am Alter: Mit Anfang 40 ist man zum Teil auch ein bisschen illusionsloser. Die Hauptfigur in dem Buch, die ja durchaus Ähnlichkeiten mit mir hat, ist schon hinter der Krise. Sie hat schon alles akzeptiert und mit vielem abgeschlossen und richtet sich da ein, auch mit dem Humor. Es gibt ja auch Lichtblicke, aber wenn man sie so nach und nach kennenlernt, hat man zunächst den Eindruck, dass sie wirklich an gar nichts mehr glaubt. Was mir ganz sympathisch ist: Ich glaube, dieses dunkler und härter werden hängt auch damit zusammen, dass man sich traut, genauer hinzugucken, Dinge auch zu benennen und jeden Schleier wegzunehmen. Schließlich ist da dieses Wissen: Es gibt Sachen, die werden nicht wieder gut. Es gibt Dinge, die kann man nicht wiedergutmachen. Und es gibt diese Fehler, die man gemacht hat. Sachen, die man nicht mehr verzeihen kann – auch nicht sich selbst.

Carsten Schrader: Ist dieser Ansatz schwierig, immer ganz nah bei sich zu schreiben? Es vermischt sich ja alles sehr schnell und dann exponiert man sich mit den Romanen auch sehr stark …

Lucy Fricke: Ich finde das nicht mehr schlimm. Ich denke immer, wenn man persönlich schreibt und sich nackig macht, dann sollte man nicht versuchen, dabei gut auszusehen. Das sollte einem dann auch egal sein. Anders ist das natürlich bei Menschen, die einem nahe stehen. Die will man mit seinem Buch natürlich nicht verletzen. Deswegen ist „Töchter“ auch sehr stark auf die Hauptfigur konzentriert.

 

„Eigentlich bin ich froh, dass diese Sicherheit des vermeintlichen Durchblicks weg ist.“

 

Carsten Schrader: Auf eine Hauptfigur, die mit Anfang 40 immer häufiger feststellen muss, dass sie die Welt nicht mehr versteht. Man rutscht eine Generation weiter und ist plötzlich wie die eigene Elterngeneration, die auf viele Dinge mit Unverständnis geblickt hat.

Lucy Fricke: Ja, das geht leider los. Ich habe mich neulich daran erinnert, wie ich war, als ich 30 war. Damals dachte ich, ich hätte den totalen Durchblick. Und mit 40 merkt man dann, dass man in Wirklichkeit gar nicht so viel begriffen hat. (lacht) Ich kann damit aber ganz gut leben. Eigentlich bin ich froh, dass diese Sicherheit des vermeintlichen Durchblicks weg ist. Natürlich merke ich, dass es eine Generation nach mir gibt, die sich vegan ernährt, nicht raucht, Sport treibt, mindestens vier Sprachen fließend spricht, und ich hocke mit Zigarette vorm Schnitzel und denke: Das ist nicht mehr meine Welt, was ist denn das für eine Jugend. Man fängt an, von früher zu reden. Man läuft durch Straßen oder ist in Clubs, in denen man denkt: Richtig dazu gehöre ich nicht mehr. Und es gibt so Momente, wo ich unwahrscheinlich peinliche Sachen sage. Ich hatte neulich eine Lesung in einer Kneipe, und da waren sehr viele junge Menschen um die 20. Die haben Dope mit so einem Vaporisator geraucht, und ich wollte das dann auch mal probieren. Da habe ich tatsächlich gesagt: Ach, so kifft man also heutzutage. (lacht) Ich habe mich über mich selbst erschrocken und gedacht: Oh Gott, ist mir das peinlich! Wobei ich das mit diesem cleanen Vaporisator auch wirklich komisch fand. Aber ich gehöre jetzt wohl zur alten, schmutzigen Generation, und die, die nach uns kommen, sind einfach viel fitter.

 

Lucy Frickes Roman „Töchter“ ist im Rowohlt Verlag erschienen.

 

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