Martina Weinhart: Kunst und demokratische Empfindungsräume

Die Frankfurter Schirn zeigt politische Kunst: „Power to the People“. Aber was ist heute politisch? Kuratorin Martina Weinhart fängt bei sich zu Hause an.

Falk Schreiber: Frau Weinhart, in Deutschland glaubt man an Fachleute: Wenn Künstler sich politisch äußern, hört man sofort ein Gegenargument, nämlich dass die Malerin malen soll und der Sänger singen. Sie kuratieren die Politische-Kunst-Ausstellung „Power to the People“ – wie gehen Sie mit dieser Skepsis um?

Martina Weinhart: Ich verstehe diese Skepsis in einem gewissen Rahmen. Man kann politische Probleme sicher nicht an die Kunst delegieren. Aber andersrum gedacht: Es gibt keine Kunst ohne Gesellschaft. Kunst hat immer eine gesellschaftliche Komponente, sie findet in einem Kontext statt, in einer bestimmten Zeit, in einem bestimmten Land. Kunst hat konkrete Personen, die sie produzieren, sie hat Institutionen, in der sie gezeigt wird, und der Betrachter steht auch nicht im luftleeren Raum.

Falk Schreiber: Klare politische Ziele sind bei Kunst eher selten …

Martina Weinhart: Genau. Die Stärke von Kunst ist ja, dass sie eben keine Zeitung ist, kein parteipolitisches Organ, sondern dass ihr ganz andere Mittel zur Verfügung stehen. Dass sie Denkräume öffnen kann, Sinnesräume, Empfindungsräume, die es möglich machen, bestimmte Dinge anders zu thematisieren.

 

„Ein Slogan ist kein philosophisches Werk, der ist erst mal eine Überschrift und noch nicht besonders komplex“

 

Falk Schreiber: „Power to the People“, „Alle Macht dem Volke“, dieser Slogan kommt eigentlich aus linken Zusammenhängen als Ausdruck der Volkssouveränität. Wenn ich mich allerdings heute umschaue, fällt mir auf, dass sich in Deutschland keine Partei so stark für Volksentscheide ausspricht wie die AfD, für die der Begriff des Volkes ganz zentral ist.

Martina Weinhart: Ein Slogan ist kein philosophisches Werk, der ist erst mal eine Überschrift und noch nicht besonders komplex. „Power to the People“ ist natürlich historisch aufgeladen durch die Bügerrechtsbewegung in den USA, durch die 68er-Bewegung, es ist ein linker Slogan. Wir bewerten die 68er aber gerade neu, es sind etliche Bücher erschienen, die diese populistischen Aspekte der 68er nicht mehr rein romantisch betrachten, sondern auch das Erbe sehen, das sie der rechten Szene mitgegeben haben. Das ist natürlich problematisch. Aber ich denke, Volkssouveränität oder Mitbestimmung sind alternativlos. Was ist die Alternative zur Demokratie? Monarchie? Diktatur? Das wollen wir alle nicht haben.

Falk Schreiber: Demokratie als ein im Westen durchaus erfolgreiches Konzept wird in anderen Teilen der Welt durchaus anders gesehen. In Südostasien sagt man, dass Demokratie für die dortigen Gesellschaften weniger passend sei, beziehungsweise: Die dortigen Machthaber sagen das.

 

„Ich kann nicht in Frankfurt eine Ausstellung machen, die quasi die ganze Welt in allen Aspekten betrachtet. Das wäre größenwahnsinnig.“

 

Martina Weinhart: Es gibt einen sehr interessanten Satz von Hannah Arendt: „Politics like charity begins at home“, „Politik wie Wohltätigkeit beginnt zu Hause“. Damit hat sie die 68er kritisiert, die geglaubt haben, sie könnten von Frankfurt, Berlin oder Berkeley aus die Probleme Indiens lösen. Ich kann aber immer nur meine eigene Perspektive weitergeben. Ich kann nicht in Frankfurt eine Ausstellung machen, die quasi die ganze Welt in allen Aspekten betrachtet. Das wäre größenwahnsinnig.

Falk Schreiber: Und wie ist es mit der Frage nach Kunst und Demokratie? Es ist doch eine ziemlich weit verbreitete Ansicht, dass Kunst ein System sei, in dem Demokratie und demokratische Entscheidungsprozesse eigentlich nichts zu suchen haben.

Martina Weinhart: (lacht) Was soll ich jetzt dazu sagen? Natürlich gibt es partizipative Kunst, es gibt Kunst, die den Betrachter mit einbezieht, es gibt das Modell, dass Kunst immer zwischen dem Bild, dem Betrachter und dem Künstler entsteht. Dass man sich in das geniale Hirn eines männlichen Schöpfers eindenken muss, um dann ehrfürchtig vor dem großartigen Gemälde zu erstarren – das ist, glaube ich, ein sehr veraltetes Konzept.

 

CHECKBRIEF

NAME Martina Weinhart
GEBOREN 1963 in Frankfurt
BERUF Kuratorin
AUSBILDUNG Studium der Kunstgeschichte sowie Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften und Klassischen Archäologie in Frankfurt und Wien. Dissertation zum Thema „Selbstbild ohne Selbst“
AUSSTELLUNGEN Seit 2001 an der Schirn Kunsthalle Frankfurt, Arbeiten unter anderem zu Jonathan Meese (2004) und „German Pop“ (2014). Gemeinsam mit Boris Groys „Traumfabrik Kommunismus“ (2003) und „Moskauer Konzeptkunst 1960-1990“ (2008)
AKTUELLE AUSSTELLUNG „Power to the People. Politische Kunst jetzt“, Schirn Kunsthalle Frankfurt, 21. 3.–27. 5.

 

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