Contemporary Music

Schöne schlechte Welt

Wenn gegen die globalen Missstände sonst nichts mehr hilft, greift Songwriter Gizmo Varillas zum Didgeridoo.

Musikerinnen und Musiker beschwören gern den Weltfrieden, und auch wenn man inhaltlich schwer widersprechen kann, ist man doch dazu geneigt, die Augen zu verdrehen. Bei Songwriter Gizmo Varillas ist das anders: Schwer vorzustellen, dass der im spanischen Bilbao aufgewachsene Londoner jemals in seinem Leben zynisch sein könnte, doch naiv klingt er in seinen Aussagen auch nicht. Das, was seine Songs zu einem so seltenen Gut macht, steckt schon im Titel seines zweiten Albums „Dreaming of better Days“: Feelgood-Musik, die die Realität nicht ausblendet, die nicht einfach behauptet, dass die Welt ein schöner Ort ist, sondern sich lieber ausmalt, wie sie denn klingen könnten, diese besseren Tage.

In Gizmo Varillas’ Fall bedeutet das vor allem: farbenfroh. Die neue Platte des Hobby-Dokumentarfilmers und Weltenbummlers klingt noch beschwingter und auch selbstsicherer als das Debüt von 2016. Von der Single „Losing you“ mit ihrem von Handclaps angetriebenen Rhythmus würde man etwa kaum vermuten, dass der 28-Jährige sie als Reaktion auf das schreckliche Massaker auf einen LGBT-Nachtclub in Orlando schrieb: „Ich saß im Zug einem Paar gegenüber, sie hielten sich an den Händen und weinten, während sie die Nachrichten verfolgten“, erinnert sich Varillas. „Der Kontrast zur Musik ist auffällig, aber er hat gut funktioniert. Der Song ist ja in Moll geschrieben, womit ich auch ein typisches Merkmal der lateinamerikanischen Musik aufgreife – dort ist es sehr gängig, dass eine eher melancholische Grundstimmung auf ein Upbeat-Tempo trifft.“

Auch deshalb äußert Varillas in dem Song „One People“ seine Vision einer Welt, in der sich alle Menschen in ihren Unterschieden akzeptieren und gleichberechtigt miteinander leben, und in der menschgemachte Grenzen keine Bedeutung mehr haben: Weil seine Musik ohne die Einflüsse aus verschiedenen Ländern und Kulturen, die er auf seinen zahlreichen Reisen aufgeschnappt hat, gar nicht möglich wäre. Auf „Dreaming of better Days“ stehen folglich Synthesizer neben Didgeridoos, brasilianische Percussions treffen auf Marimbas und Akustikgitarren. „Jeder meiner neuen Songs transportiert in irgendeiner Form meine Sicht auf die Welt, aber ich möchte nicht predigen oder wichtigtuerisch klingen“, erklärt der Künstler, der schon längst am dritten Album sitzt. „Wie meine Musik klingt und wovon sie handelt, das geht Hand in Hand, und je schwieriger die globale Situation ist, desto größer wird der Drang, mit meiner Musik dagegenzuhalten. Denn zumindest auf meinen Konzerten sind die besseren Tage schon längst Realität.“

Gizmo Varillas • Album

Künstler: Gizmo Varillas
Titel: Dreaming of better Days
Label:
VÖ: 06.07.2018

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