Contemporary Music

Jazzanova: Bastelgruppe mit Starfaktor zwölf

Ist es Understatement, wenn Jazzanova sich selbst als Bastelgruppe bezeichnen? Es ist zumindest der Grund, warum auch ein britischer Superstar das Berliner Kollektiv mit offenem Mund bestaunt.

„Die Leidenschaft für Musik hat uns über all die Jahre zusammengehalten“, sagt DJ und Radiomoderator Alex Barck. „Wann immer wir uns treffen, tauschen wir uns als erstes über Platten aus, die wir neu entdeckt haben, und schieben den anderen irgendwelche Tracks rüber“, ergänzt sein Produzentenkollege Stefan Leisering. Die beiden sitzen im Büro ihrer eigenen Plattenfirma Sonar Kollektiv in Berlin-Mitte, wo Barck auch seine Sendungen produziert, und selbst nach mehr als 20 Jahren besteht noch immer Bedarf, diesen ganz und gar eigenen Zusammenschluss namens Jazzanova zu erklären. Die drei DJs und zwei Produzenten haben in der Schnittmenge von Jazz und elektronischer Musik einen unverwechselbaren Sound etabliert: Sie erstellen Remixe, übernehmen Jobs als Kuratoren, reisen mit DJ-Sets um die Welt und können mit dem Philly-Rapper Capitol A genauso gut arbeiten wie mit europäischen House-Helden à la Dixon und Âme. Und weil sie in komplett unabhängigen Strukturen arbeiten, kann es eben auch vorkommen, dass das letzte eigene Album „Of all the Things“ nun schon zehn Jahre zurückliegt und sie sich zuletzt vor allem auf Live-Auftritte konzentriert haben.

„Wir haben so lange gesammelt, bis wir auch wirklich wieder etwas zu sagen haben“, erklärt Leisering und grinst vielsagend. Tatsächlich schreibt „The Pool“ den Signature-Sound von Jazzanova unverkennbar fort und öffnet zugleich viele neue Türen: Weil Produzent Axel Reinemer inzwischen sein eigenes Studio aufgebaut hat, haben sie mehr aufgenommen statt vorab am Computer zu fixieren. Doch während sie auf Flaschen, Eisenstangen und Kanistern geklöppelt und die Rhythmusarbeit komplexer gestaltet haben, lassen sie jetzt auch schlichtere Kompositionen zu und wagen mehr Pop als je zuvor. „Vielleicht müssen wir uns nicht mehr beweisen und können selbstbewusst dazu stehen, dass niemand von uns wirklich ein Instrument gelernt hat: Jazzanova zeichnet aus, dass wir uns die naive Herangehensweise über all die Jahre erhalten haben und die von Leidenschaft getriebene Bastelarbeit nach wie vor essenziell ist“, bringt es Leisering auf den Punkt. Auf „The Pool“ haben sie zudem mit zwölf herausragenden Vokalisten gearbeitet, und zwischen alten Weggefährten wie Paul Randolph und jungen Sängerinnen wie Rachel Sermanni und Charlotte OC fällt ein Name ganz besonders auf: der des britischen Superstars Jamie Cullum. „Eigentlich hatten wir eine klassische Pianoballade für ihn geschrieben“, erzählt Barck, „aber dann wurde uns bewusst, dass es die auf seinen eigenen Alben schon zu Genüge gibt.“ Also haben sie seinen Song „Let’s live well“ komplett umproduziert und Gitarre sowie komische Basssounds hinzugefügt. „Jamies Fans sollen überrascht sein, weil sie ihn so noch nicht gehört haben“, gibt sich Barck bescheiden. Auch Cullum selbst wird mit offenem Mund bestaunen, was Jazzanova nach zehn Jahren Abstinenz vollbracht haben.

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