Contemporary Music

Schall und Rauchen

Fragt man die Hamburgerin Helena Hauff, wie sie das Technoalbum des Jahres zustande gebracht hat, dreht sie sich erst mal eine Kippe.

„Natürlich spielt der Titel auf den Rauch an, der ja sehr schön, gleichzeitig aber auch nicht wirklich da ist“, greift Helena Hauff zunächst die naheliegende Assoziation zu „Qualm“ auf. Es brennt im Club, und genau das wollte die Produzentin und DJ mit ihrem dritten Album auch erreichen: „Während ich mich bei der letzten Platte an Songstrukturen und poppigeren Sachen ausprobiert habe, wollte ich jetzt wieder minimalistischer arbeiten, ein bisschen rougher, härter und im Ansatz auch simpler werden.“ Vielleicht ist das Album mit der angestammten Mischung aus Techno, Detroit Electro, Acid, EBM und Industrial näher an den kompromisslosen DJ-Sets der Hamburgerin als all ihre Veröffentlichungen zuvor – und doch bietet der Albumtitel noch eine zweite Bedeutungsebene, die man keinesfalls unterschätzen sollte: Das englische Wort „qualm“ bedeutet „Zweifel“ oder „Skrupel“ und lässt sich auf den melancholischen Unterbau beziehen, der ihre Tracks bei aller Härte auszeichnet. Und Hauff spielt auch mit dieser Doppeldeutigkeit: Weiß das zurückgenommene Titelstück nicht so genau, wo es hinwill – Trockeneisnebel zieht auf, aber es kommt zu keiner Entladung – folgt mit „No Qualms“ dasselbe Stück in einer von Beats angetriebenen Version, die voll auf die Zwölf geht.

 

 

Während Songtitel für viele Elektromusiker nur dazu dienen, ihre Songs auseinander zu halten, nimmt Hauff die Namen schon wichtiger, und ein Titel wie „It was all Field around here when I was a Kid“ beschreibt dann auch die Stimmung des Tracks perfekt. „Als Hörerin kann ich mir Titel nicht merken und achte auch nicht auf sie, aber für meine eigenen Sachen ist es mir doch sehr wichtig, dem Stück eine Assoziation oder auch nur ein Gefühl beizugeben“, sagt sie, während sie ihre ausgegangene Zigarette neu aktiviert. Passt, denn der Titel „Fag Butts in the Fire Bucket“ geht auch auf eine Rauchergeschichte zurück, die ihr Freund ihr erzählt hat: Ein Eimer voll Sand, der eigentlich zum Feuerlöschen gedacht war, wurde von den ketterauchenden Mitarbeitern einer Druckerei in England als Aschenbecher missbraucht. Für Hauff ist dieses Bild mit einer Jugenderinnerung verknüpft: „Als ich 16 war, haben mich Freunde in eine Großraumdisko nach Kaltenkirchen mitgenommen – aber ich bin nicht reingekommen, weil ich so naiv und dumm gewesen war, meinen Ausweis nicht mitzunehmen“ erinnert sie sich und grinst mit dem Wissen von heute, dass ihr damals vermutlich ein schlimmer Abend mit grottenschlechter Musik erspart geblieben ist. „Als ich am Bahnhof stand, um auf den ersten Zug zurück nach Hamburg zu warten, fiel mein Blick auf all die Zigarettenstummel, die da unten zwischen den Gleisen lagen, und dieses Bild werde ich wohl nie vergessen: Du kannst dir gar nicht vorstellen, was für ein Berg das war.“ Mit der Einschätzung, „Fag Butts in the Fire Bucket“ sei ihr bisher kältester Track, geht sie aber trotz der titelgebenden Inspirationen nicht mit. „Ein überquellender Aschenbecher hat für mich auch etwas Romantisches: Es ist das, was übrigbleibt von dem, was man gerade genossen hat. Natürlich weiß ich, dass ich mit jeder Zigarette den Lungenkrebs gefüttert habe, trotzdem bin ich traurig, dass das alles vorbei ist. Eine Zigarette aufrauchen ist immer ein kleiner Tod“, sagt sie – um kurz darauf lachend abzuwinken. „Ach nee, diesen Ausdruck reservieren wir lieber weiter für etwas anderes.“

 

 

Helena Hauff • Album

Künstler: Helena Hauff
Titel: Qualm
Label: Ninja Tune
VÖ: 03.08.2018

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