Contemporary Music

Leon Vynehall: Echt bescheiden!

Ist das Debüt ein gutes Album? Es ist ein großartiges! Man möchte Leon Vynehall einen Tritt in den Hintern geben, wenn er bei Anerkennung mal wieder abwinkt!

Das ist mal Understatement: Da hat Leon Vynehall mit „Music for the Uninvited“ aus 2014 und der zwei Jahre später erschienenen Veröffentlichung „Rojus“ bereits zwei Werke vorgelegt, die von so ziemlich allen Kritikern zu den besten Dancefloor-Veröffentlichungen des laufenden Jahrzehnts gezählt werden – doch den eigenen Ansprüchen des britischen Produzenten und DJs genügen sie nicht, um sie als vollwertige Alben durchgehen zu lassen. „Beiden liegt zwar ein Konzept zugrunde, aber für mich sind sie zu kurz und zu sehr auf die Tanzfläche fokussiert, um den Kriterien zu entsprechen, die ich an den größeren Ausdruck eines Albums stelle“, wägt Vynehall ab. Wie hoch diese persönlichen Anforderungen sind, lässt sich an „Nothing is still“ ablesen, das von dem Musiker aus Brighton jetzt offiziell das Siegel des Debütalbums bekommt – sich ganz eigentlich aber als ein gigantisches Projekt erweist, das vielen seiner Kollegen als Lebenswerk gereicht hätte.

Ausgangspunkt des Albums ist die Geschichte von Vynehalls Großeltern. Nach dem Tod des Großvaters zeigte ihm seine Oma ein paar alte Polaroids, und so erfuhr er spannende Details aus ihrer Lebensgeschichte, von denen er bis dahin nichts gewusst hatte: In den 60ern waren sie eine siebentägige Schiffsreise von Southampton nach Brooklyn angetreten, um in die USA auszuwandern. „Mich hat diese Abenteuerlust und der Mut, alle Sicherheiten hinter sich zu lassen, so sehr beeindruckt, dass ich ihre Erfahrungen dokumentieren wollte“, sagt er. Doch Vynehall hat nicht nur zehn Stücke geschrieben, die mit einem Clubalbum fast gar nichts mehr zu tun haben, sich eher an Komponisten wie Philip Glass und Steve Reich orientieren und mal eben auch ein zehnköpfiges Streicherensemble integrieren: „Nothing is still“ erscheint zudem mit einer 150-seitigen Erzählung, die er zusammen mit dem Autor Max Sztyber geschrieben hat, und wird flankiert von diversen Kurzfilmen des Regisseurs Young Replicant, der auch schon für Videoclips von The XX und Flying Lotus verantwortlich war.

„Das war gar nicht so groß angelegt, aber irgendwie kam eins zum anderen“, kommentiert Vynehall fast schon entschuldigend. Für die Tanzfläche will er trotz „Nothing is still“ in Zukunft aber auch noch arbeiten. „Ich lasse mich da nicht einengen. Hier hat mich interessiert, nicht aus meinem Inneren zu schöpfen, sondern nach einer Vorlage zu komponieren. Deswegen musste auch erst die Novelle geschrieben werden: damit ich sie musikalisch transkribieren konnte. Auch das will ich gerne weiter vertiefen, und vielleicht qualifiziert mich mein Album ja für Soundtrackarbeiten“, sagt er allen Ernstes – und das ist nun wirklich der Gipfel des Understatement.

Leon Vynehall „Nothing is still“ ist bei Ninja Tune/Rough Trade erschienen.

 

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