Contemporary Music

Get Well Soon: Humor und Horror

Achtung, Weltuntergang! Für das neue Album „The Horror“ von Get Well Soon konfrontiert sich Konstantin Gropper mit seinen Albträumen. Aber was hat es mit dem Reichsmarschall auf sich?

Carsten Schrader: Konstantin, mit „The Horror“ legst du ein für Get Well Soon ungewohnt politisches Album vor, das auf der Ausdeutung von drei Träumen basiert. Haben dich deine Albträume politisiert?

Konstantin Gropper: Es war eher andersrum. Zum momentanen Zeitpunkt hätte es sich für mich nicht richtig angefühlt, ein Album zu machen, das gar keinen politischen oder gesellschaftlichen Bezug hat. Angst ist einfach der zentrale Begriff, wenn man sich anschaut, wie momentan Politik gemacht wird. Da Kunst aber für mich kein Ort ist, an dem tagespolitische Kommentare etwas zu suchen haben, und es mir nicht darum ging, ganz konkret ein Anti-AfD-Album zu machen, wollte ich es abstrakter halten und mich über ein Gefühl dem Thema nähern. Zumal ich schon immer mit den Erinnerungen an Träume arbeiten wollte – auch wenn ich dafür eigentlich nicht so gut geeignet bin.

Carsten Schrader: Träumst du so unspektakulär, oder kannst du dich nicht erinnern?

Konstantin Gropper: Ich bin immer ganz neidisch, wenn ich aberwitzige und extrem inspirierende Träume erzählt bekomme, da ich da nur selten mithalten kann. Ich habe schon oft überlegt, ob es nicht gut wäre, immer Zettel und Stift neben dem Bett parat zu haben, aber irgendwie schrecke ich auch davor zurück, das Erinnern auf diese Weise zu forcieren. Unbewusst will ich mir vielleicht auch die Möglichkeit nehmen, zu genau auszudeuten. Der Reiz von Träumen liegt ja auch darin, dass sie unerklärlich und unzusammenhängend sind. Wenn ich zu genau wüsste, was das alles bedeutet, könnte ich keine Songs mehr darüber schreiben. Jetzt gibt es eben drei Träume auf dem Album – mehr war einfach nicht da.

Von der Küche direkt in den Weltuntergang

 

Carsten Schrader: Legen wir dich doch mal auf die Couch. In deinem ersten Albtraum bereitest du daheim das Abendessen vor, doch als du aus dem Fenster schaust, bemerkst du, dass es einen Erdrutsch gegeben hat und das Haus nur noch von Schluchten und Trümmern umgeben ist. Wo du ja auch auf Fotos gern mit Spießbürgerlichkeit kokettierst: Darf man in diesen Traum die Verlustängste der sogenannten Mittelschicht reininterpretieren?

Konstantin Gropper: Vermutlich schon, zumal ja viele im mittleren Alter ein stärkeres Bewusstsein dafür ausprägen, dass nichts in Stein gemeißelt ist oder als selbstverständlich hingenommen werden kann. Mich hat vor allem die seltsame Stimmung dieses Traums irritiert, den man ganz eigentlich auch nicht als Albtraum bezeichnen kann, da ich keine Angst hatte. Die Welt geht unter, und alles bricht zusammen, und ich denke nur: Was mache ich denn jetzt, ich habe doch das Abendessen fertig?

Carsten Schrader: Auch im zweiten Traum gibt es Abendessen – allerdings bist du da bei Hermann Göring zu Gast.

Konstantin Gropper: Wie es dazu kommen konnte, ist mir schon klar: Ich habe einfach zu viele Nazidokumentationen geschaut. Liegt ja auch auf der Hand, wenn man bei vielen aktuellen Entwicklungen feststellt, dass einem das irgendwie bekannt vorkommt. An Göring hat mich besonders dieser Größenwahn interessiert, der sich in diesem Carinhall-Anwesen manifestiert hat: Hier hat er seiner ersten Frau ein Mausoleum errichtet, er hat Löwen gezüchtet, eine riesige Modelleisenbahnausstellung aufgebaut, und eine Raubkunst-Ausstellung war in Planung. Mich hat das zu der Frage geführt, was das aus Menschen macht, wenn sie grenzenlose Macht haben und sich alles erlauben können.

Joschka Fischer, die CIA und ein Eignungstest für Politiker

 

Carsten Schrader: Was ja nicht nur den Grad der Perversion betrifft, sondern etwa bei den Grünen in Regierungsverantwortung auch mit dem Verrat von Idealen einhergehen kann.

Konstantin Gropper: Stimmt, ein nicht ganz so gefährliches und traumatisches Beispiel, aber was aus Leuten wie Joschka Fischer geworden ist, hätte man sich auch nicht träumen lassen. Jetzt wird ja ein psychiatrischer Eignungstest für Politiker diskutiert, und die CIA beschäftigt Psychiater, die per Ferndiagnose Psychogramme aller wichtigen internationalen Politiker erstellen. Bleibt nur die Frage, ob gewisse Störungen schon angelegt sind und sich dann zeigen, wenn ihnen ein Spielfeld gegeben wird, oder ob Macht den Charakter verändert. Ich glaube beides, und jetzt gönne ich mir mal die Eitelkeit und zitiere meinen eigenen Song: „There never was a loveable man in power.“

Carsten Schrader: Was hat dein Duettpartner Sam Vance-Law dazu gesagt, dass er die Rolle von Göring übernehmen musste?

Konstantin Gropper: Obwohl er Kanadier ist, wusste er schon beim Titel „Dinner at Carinhall“, was auf ihn zukommt. Sam hat mir eines der schönsten Komplimente überhaupt gemacht, indem er gesagt hat, dass er den Song auch wahnsinnig lustig findet. Humor wird für mich immer wichtiger. Bei den ersten beiden Alben fehlt mir noch diese Selbstironie, die signalisiert, dass ich mich selbst auch nicht allzu wichtig nehme. Und es ist auch einfach ein guter Selbstschutz, um mit so schweren Themen umzugehen.

„Nichts ist so gruselig wie eine unkonkrete, nicht greifbare Angst.“ Konstantin Gropper

 

Carsten Schrader: Für Außenstehende ist auch der Albtraum von „Strangled“ extrem witzig: Du wirst erwürgt, trotzdem überlebst du irgendwie und befindest dich plötzlich in Finnland, wo ein Zwerg ohne Arme dein Auto repariert. Klingt ein bisschen nach David Lynch.

Konstantin Gropper: Der Song hat vermutlich keine gesellschaftlichen Hintergründe, aber dass ich erstickt oder gewürgt werde, träume ich regelmäßig in unterschiedlichen Variationen. Ein Bezug zu Lynch ist sicherlich, dass es keine konkrete Handlung gibt und der Traum jederzeit in eine völlig andere Richtung kippen kann. Nichts ist so gruselig wie eine unkonkrete, nicht greifbare Angst, ein Unbehagen, das man nicht richtig benennen kann.

Carsten Schrader: Fürchtest du dich denn davor, diese für Get Well Soon ungewohnt leicht zu entschlüsselnden Songs vor Publikum live zu spielen?

Konstantin Gropper: Ich bin noch sehr unsicher, wie ich eine Haltung zu den neuen Stücken finden kann. Wir spielen diesmal ja vor allem in Theatern und Konzerthäusern mit sehr komfortablen Sitzen. Davor habe ich schon ein bisschen Angst, denn die Konzerte dürfen auch für das Publikum nicht zu bequem werden.

Get Well Soon „The Horror“ ist  bei Caroline/Universal Music erschienen.

Wichtige Inspirationsgeber für „The Horror“:

Adam Curtis

Die Dokumentarfilme des britischen Journalisten haben bei Gropper eine regelrechte Sucht ausgelöst. Für „The Horror“ war insbesondere „The Power of Nightmares“ extrem wichtig, in dem Curtis den Neokonservatismus und seine Nutzung von Angst und Feindbildern verhandelt.

Frank Sinatra

Nachdem Gropper im Jahr 2016 mit „Love“ seine Popplatte veröffentlicht hat, kehrt er mit Get Well Soon zum eher orchestralen Sound zurück. „The Horror“ ist seine Crooner-Platte, und als langjähriger Sinatra-Fan nennt er vor allem „In the wee small Hours“ aus dem Jahr 1955 als großen Einfluss.

Kat Frankie

Zu den Höhepunkten von „The Horror“ zählt der Song „Nightjogging“, in dem es um männliche Gewalt gegen Frauen geht. Gropper war es wichtig, sich mit diesem bereits vor der #MeToo-Debatte geschriebenen Text zu diesem Thema als Mann zu äußern und den relativierende Aussagen vieler Geschlechtsgenossen zu widersprechen. Duettpartnerin Kat Frankie übernimmt, wenn der Song in die Ich-Perspektive wechselt.

LIVE 10. 8. Hamburg, 1. 10. Berlin, 8. 10. München, 12. 10. Leipzig, 17. 10. Köln, 28. 10. Stuttgart

Tickets gibt es u. a. bei Reservix oder Eventim.

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