Contemporary Music

Adel verpflichtet

Auf seinem neuen Album singt Heinrich von Handzahm, dass er nicht wie alle anderen sein möchte. Gott sei Dank zählt der Hamburger Songwriter James Dean und Jeanne d’Arc zu seiner Wahlverwandtschaft!

Im Song „Durchschnitt“ erklärt Heinrich von Handzahm, dass er genau das nicht so gerne wäre: durchschnittlich. Doch dann musste er leider feststellen, dass er in vielen Punkten genau der Norm entspricht. „Ich habe mir die ganzen statistischen Jahrbücher durchgelesen und war fasziniert, dass ich in vielen Dingen komplett im Durchschnitt liege – obwohl ja jeder von sich denkt, er sei was Besonderes“, erklärt er. Dabei liest sich die Biografie des Hamburger Songwriters alles andere als durchschnittlich: Er leitete ein schwules Lifestyle-Portal, erarbeitete eine Pokershow mit Stefan Raab, hat beim „Dschungelcamp“ hinter den Kulissen mitgewirkt, und jetzt eröffnet er in der norddeutschen Kleinstadt Bad Bramstedt den bundesweit größten Tresor für medizinisches Cannabis. Darauf angesprochen, wirft von Handzahm eher geschäftsmännisch nüchtern mit Begriffen wie Nummernoptimierung, Formatentwicklung und Assistenz der Geschäftsführung um sich. „Das war damals die New-Economy-Zeit, und ich fand es einfach interessant, was da so passierte“, führt er aus. „Das Dschungelcamp war eines der ersten Formate, über das sich alle aufgeregt haben. Heute muss man sich ganz andere Themen suchen, um die Leute zu schocken.“

Das Pseudonym Heinrich von Handzahm fungiert allerdings nicht etwa als ironischer Kontrast zu einem Künstler, der den provokativen Grenzgang sucht. Seine Musik bezeichnet der Musiker, der am liebsten Wohnzimmer-Konzerte gibt, als Storypop. „Meine Musik ist nicht ganz Pop, nicht ganz Chanson und nicht ganz Schlager, und ich habe festgestellt, dass Leute einfach Schubladen brauchen“, erläutert er den Begriff. „Ich mag eingängige Melodien und erzähle gern Geschichten, also habe ich das zu einem eigenen Genre zusammengeführt.“ Klingt ganz schön individualistisch! Auf der anderen Seite singt von Handzahm aber gegen das Ich-Syndrom an, wie er es nennt – ein Widerspruch, weil ein „Wir“ doch einen gemeinsamen Nenner bedingt, der dann einen Durchschnitt ausmacht? „Das mag gegensätzlich sein, aber mich nervt das einfach, dieses Sich-in-den-Mittelpunkt-Rücken, das man überall beobachtet“, ereifert er sich.

Auf seiner Website rückt Heinrich von Handzahm jedenfalls auch andere Namen in den Fokus: Dort kann man einen Stammbaum mit einer fiktiven Ahnenreihe nachlesen, die so illustre Namen wie Heinrich IV., Jeanne D’Arc, Maria Montessori, Andy Warhol und James Dean enthält. Wie sieht wohl ein Querschnitt aus diesen Personen aus? „Das sind alles sehr spezielle, extrovertierte Menschen, die für sich genommen natürlich überhaupt nicht in den Durchschnitt passen, die aber einfach das gemacht haben, woran sie glaubten“, antwortet von Handzahm – und meint damit wahrscheinlich auch ein wenig sich selbst.

Heinrich von Handzahm • Album

Künstler: Heinrich von Handzahm
Titel: Auf anderer Frequenz
Label: Bring me Home
VÖ: 06.07.2018

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