Contemporary Music

Ist Namika Lieblingsmensch oder doch Rapperin?

Namika hat den Feelgood-Ohrwurm „Lieblingsmensch“ zu verantworten, singt auf dem neuen Album „Que Walou“ für Mama und Oma … Und das dann ausgerechnet mit Farid Bang?

Vanessa Wendel: Namika, dein neues Album heißt „Que walou“ – wie übersetzt man das am besten? 

Namika: „Que walou“ ist amazighisch für „wie nichts“ oder „für nichts“. Je nach Kontext kann es eine positive oder eine negative Bedeutung haben. Zum Beispiel, wenn sich jemand bei dir bedankt, und du sagst: „Dafür nicht“, während „für nichts“ das Gefühl beschreibt, sich umsonst für eine Sache angestrengt oder eingesetzt zu haben.

Vanessa Wendel: Diese Uneindeutigkeit oder auch das Gefühl, Widersprüche auszuhalten, kennzeichnen viele deiner neuen Songs – hängt das auch damit zusammen, dass dich als Deutsche mit marokkanischen Wurzeln die Frage nach Identität umtreibt?

Namika: Es ist schon merkwürdig: Ich werde Deutsch-Marokkanerin genannt, obwohl ich hier geboren und aufgewachsen bin – wieso dieser Zusatz? In Marokko ist es genau umgekehrt: Da bin ich die Deutsche. Das äußert sich teilweise in so absurden Situationen wie beim Verhandeln, wenn jemand merkt, ich bin nicht aus Marokko, und beim Preis noch was draufschlägt. Feilschen kann ich dank meiner Wurzeln aber, was dann alle überrascht. (lacht)

Vanessa Wendel: Noch einen Schritt weiter geht der Song „Ahmed (1960–2002)“ über deinen Vater, den du nie kennengelernt hast, weil er in Deutschland auf die schiefe Bahn geraten ist und im Ausland im Gefängnis saß, bevor er 2002 gestorben ist. Wie schwierig war es, mit so einem Song rauszugehen?

Namika: Tatsächlich war „Ahmed“ bis zum Schluss ein Wackelkandidat. Aber er erzählt eine wichtige Geschichte und sendet ein Signal an jeden, dem es vielleicht ähnlich geht: Egal, wie schwierig die Verhältnisse sind, aus denen du kommst, sie müssen kein Hindernis sein, glücklich zu werden. Und es war mir ein Bedürfnis, mir mit diesem Stück etwas von der Seele zu schreiben, das Thema „mein Vater“ auf diese Weise ad acta legen zu können.

 

Vanessa Wendel: In dem Song „Hände“ spielt dagegen deine Großmutter die Hauptrolle. Wie hat sie dich geprägt?

Namika: Meine Vorbilder sind definitiv alles starke Frauen, die mich inspiriert haben, meinen Weg zu gehen. Gerade im HipHop ist es wichtig, dass mehr Frauen ins Spiel kommen, ohne Klischees bedienen zu müssen. Du brauchst keine harte Frau zu sein, um rappen zu können.

Vanessa Wendel: In der HipHop-Szene sind Homophobie, Sexismus und Frauenfeindlichkeit nach wie vor weit verbreitet. Hast du dich deshalb auch dem Pop zugewandt?

Namika: Wenn du auf „Lieblingsmensch“ anspielst – das hat mich einfach in die Popwelt gehievt, das war keine bewusste Entscheidung. Ich mache HipHop. Und finde auch gar nicht, dass die Szene komplett homophob ist. Wen meinst du denn da? Natürlich gibt es immer wieder Leute, die im Battlerapkontext einen dummen Spruch reißen, aber es gibt auch etablierte Rapper wie Curse oder Samy Deluxe, die mit Homophobie und Sexismus nichts zu tun haben.

Vanessa Wendel: Und es gibt 187 Strassenbande und Gzuz, Capital Bra und Frauenarzt, Kollegah und Farid Bang. Die finden auch abseits von Battles statt und bleiben in Interviews bei ihrer fadenscheinigen Linie, das sei künstlerischer Ausdruck – während HipHop-Frauen wie Hayiti, Eunique oder SXTN das auch nicht benennen wollen.

Namika: In Interviews hat jeder Schiss, Stellung zu beziehen, gerade als junger Mensch. Alice Schwarzer will niemand sein. Die kommt aus einer anderen Zeit, hat andere Sachen erlebt. Überhaupt finde ich es nicht gut, dann gegen Männer zu schießen, denn Feminismus heißt ja nicht gegeneinander, sondern als gleichberechtigte Geschlechter miteinander.

Vanessa Wendel: Dann stört es dich auch nicht, wenn du in Interviews oder Artikeln als hübsch und talentiert bezeichnet wirst? Das ist auch eine Form von Sexismus.

Namika: Ich finde auch schade, dass „hübsch“ so hervorgehoben wird. Ich mache Musik, und die hat nichts mit meinem Aussehen zu tun. Aber natürlich zeigt sich darin ein grundsätzliches Problem, das sich nicht nur auf den HipHop beschränkt.

Vanessa Wendel: Und wie passt deine Zusammenarbeit mit Farid Bang dazu, der häusliche Gewalt verherrlicht und sexistische Lines droppt?

Namika: Selbstverständlich diskutieren wir darüber, und Farid weiß auch, dass ich einige Texte überhaupt nicht gut finde. Zum Feature für „Hände“ kam es total zufällig. Wir haben uns in Düsseldorf getroffen und uns Songs vorgespielt. Dann saß da dieser riesige Schrank vor mir, hört sich den Song über meine Großmutter an und war total gerührt. Das hat wiederum mich berührt, deshalb habe ich ihn eingeladen, einen Part beizusteuern. Stichwort Feminismus: Gib den Leuten Respekt, und sie respektieren dich. Das Positive an dem Song ist, dass ich Farid helfen konnte, diese Seite von sich zu zeigen, was wiederum beweist: Wenn man miteinander anstatt übereinander redet, können positive Dinge geschehen.

Namika „Que Walou“ ist erschienen.

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