Contemporary Music

Milliarden: Berliner Zerreißproben

Berlin-Bashing? Hauptstadt-Hype? Das neue Album „Berlin“ von Milliarden ist zum Glück mehr als ein einfaches Pro oder Contra.

Mit „Berlin“ versucht die Band Milliarden, die Liebe zu ihrer Heimatstadt aufrechtzuerhalten. Als Konzeptalbum wollen Milliarden ihre zweite Platte aber nicht verstanden wissen, die ihren klischierten Titel wie ein Ausrufezeichen vor sich her trägt. Im Gegenteil: „Wir haben erst vor dem Titel ,Berlin‘ zurückgeschreckt, weil das Wort so besetzt ist“, erläutert Sänger Ben Hartmann, der gemeinsam mit Johannes Aue das Zentrum der Band bildet. „Aber gerade deshalb haben wir uns schließlich für ihn entschieden – um ihn wieder neu zu konnotieren.“ Im Titelsong ist ganz unverklausuliert von Investoren die Rede, die das für die Stadt bestimmende Chaos beenden. Doch Hartmann zögert, das Album als Abgesang zu bezeichnen. „Früher war Berlin ein Ort der Möglichkeiten, der gerade durch seine Risse und Widersprüche lebendig wurde“, führt er aus. „Das wird alles zunehmend überbaut, auch gedanklich.“ Mit dem Album will er auch der Gefahr entgegenwirken, sich zu entlieben. „Man kann sich die Freiräume erkämpfen“, davon ist der Sänger nach wie vor überzeugt.

Kiez- und Milieustudien zwischen Pop und Punk

Kiez- und Milieustudien nennt Hartmann die zwischen Pop und Punk oszillierenden Songs von „Berlin“. So ist „Rosemarie“ eine zärtlich-rohe Liebeserklärung an die gleichnamige Frau, die auf dem Warschauer Platz steht und unter Drogeneinfluss Touris anpöbelt. „Die Toten vom Rosenthaler Platz“ wiederum ist Hartmanns Versuch, sich in ein Verhältnis zu dem Elend zu setzen, das direkt vor seiner Haustür stattfindet. „Wenn man Kratzer auf der Brille hat, blendet das Auge sie irgendwann aus“, erläutert der 32-Jährige. „Und so ist es auch mit den Obdachlosen vom Rosenthaler Platz in ihren Zelten und Schlafsäcken. Ich wollte dieses Stück schreiben, solange ich noch kann, solange ich dieses Leid noch wahrnehme.“

Hartmann spricht nicht nur in diesem Zusammenhang von widersprüchlichen Empfindungen, davon, keine eindeutige Haltung zu finden. Der Musiker freut sich, als ich den Song „Niemals“ von dem aktuellen Album der Band Die Nerven ins Feld führe, in dem es heißt: „Finde niemals zu dir selbst.“ Das Nicht-ganz-zu-sich-Kommen, das Zwischen-den-Stühlen-Stehen, das innere Zerriebensein ist ein Zustand, aus dem auch er schöpft, anstatt ihn nur als Station auf dem Weg hin zu einem klar vordefinierten Ziel zu betrachten. Daraus bezieht eine geschichtsträchtige Metropole wie Berlin ihre Kraft, und das gilt auch für die Band Milliarden.

Milliarden „Berlin“ erscheint bei Vertigo/Capitol.

LIVE 26. 9. Bremen, 27. 9. Hamburg, 28. 9. Köln, 29. 9. Münster, 3. 10. Frankfurt, 4. 10. Stuttgart, 6. 10. Leipzig, 11. 10. München, 13. 10. Nürnberg, 18. 10. Berlin, 19. 10. Dresden, 20. 10. Magdeburg

Tickets gibt es z. B. bei Reservix oder Eventim.

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