Contemporary Music

Snail Mail: „Geschlecht ist kein Genre!“

Mit Lindsey Jordan alias Snail Mail ist Indierock plötzlich wieder spannend. Und sie ist gerne bereit, sich über die Gründe dafür zu streiten.

„Gefühlt habe ich seit Wochen nicht mehr richtig geschlafen, und neben den Shows stehen so viele wichtige Entscheidungen an, für die ich einen klaren Kopf brauche“, klagt Lindsey Jordan. Nachdem die 18-jährige Musikerin gestern ein Konzert in London gespielt hat, steht heute ein wahrer Interviewmarathon an, und nach ein paar weiteren Europa-Shows muss sie Anfang Juni auch schon wieder zurück in die Staaten, um die Veröffentlichung ihres Debütalbums als Snail Mail mit einer ausgedehnten Amerikatour zu flankieren. „Habe ich mich gerade beschwert?“, fragt sie und lacht.

Kämpfe eines queeren Teenagers mit der Vorstadttristesse

Bereits vor zwei Jahren hatte sich angedeutet, was sich heute als die Rückkehr des seit vielen Jahren immer wieder totgesagten Indierocks entlädt: Als die EP „Habit“ erschien, besuchte Jordan noch die Highschool in Ellicott City, einem Vorort von Baltimore, doch die mit lauter, melancholisch-harmonischer Gitarre vorgetragenen Kämpfe eines queeren Teenagers mit der Vorstadttristesse besaßen eine Intensität, die man seit Jahren nicht gehört hatte. „Natürlich war ich ein Freak, weil ich Gitarrenmusik gemacht habe, aber weil ich mit meinen Freunden ja die Begeisterung für Sport oder HipHop teilen konnte, war ich froh um diesen Rückzugsort, an dem ich meine Verletzlichkeit ausleben konnte“, sagt sie.

Seit „Habit“ ist in ihrem Leben viel passiert: durchsehnte Nächte liegen hinter ihr, sie hat Beziehungen an die Wand gefahren, und während sie früher als einziges Mädchen der Eishockeymannschaft immer verbissener um die Anerkennung ihrer misogynen Teamkollegen gekämpft hat, fährt sie bei Mackergehabe inzwischen den Mittelfinger aus. Das Album „Lush“ schließt für Jordan ihre Coming-of-Age-Geschichte ab, während es in der Musikszene allein durch die Vorabsingles „Pristine“ und „Heat Wave“ den neuerlichen Gitarrentrend befeuert hat.

Jordan freut sich darüber – solange nicht auch Kolleginnen wie Lucy Dacus und Soccer Mommy ins Feld geführt werden und von einem neuen, weiblichen Indierock die Rede ist. „Geschlecht ist kein Genre, und dieses Trendgerede verfälscht die Verhältnisse: Auch in den 90ern hat es schon spannende Musikerinnen gegeben, und wenn ich mir heute die Plakate der Festivals anschaue, haben sich die Machtverhältnisse kaum geändert“, ereifert sich Jordan. Und mit „Lush“ hat sie auch die nötigen Songs, um daran zu rütteln.

Snail Mail „Lush“ erscheint bei Matador/Beggars Group.

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