Contemporary Music

Don’t look back in Anger

Interview Steffen Rüth

Als wären die 90er nie zu Ende gegangen: The Breeders feiern ein unerwartetes Comeback mit ihrem Album „All Nerve“ – und live!

Steffen Rüth: Kim, Kelley, drei von vier Breeders sind Frauen. Habt ihr euch bei der Bandgründung 1988 als feministische Vorreiterinnen gesehen?

Kim Deal: Wir waren sicher in dem Sinne eine Inspiration, dass Frauen es wagen, Rockmusik zu spielen, und keine Angst haben, sich selbstbewusst in dieser von Männern dominierten Welt zu bewegen. Auch damals gab es Vorbilder wie Patti Smith – aber es waren weit weniger als heute.

Kelley Deal: Uns ist bewusst, dass viele Feministinnen heute auf uns Bezug nehmen – gerade in unserer Branche. Kim und ich waren allerdings damals eher von Männern inspiriert. Was wir aber nie gedacht haben: Mist, ich kann das nicht machen, ich bin ja nur ein Mädchen.

Steffen Rüth: Wie wichtig ist „MeToo“ für die Rockmusik?

Kim Deal: „MeToo“ ist für alle Lebensbereiche wichtig, in denen Frauen und Männer nicht gleichberechtigt sind – also für so gut wie alle. Viele Menschen verstehen erst jetzt so richtig, wie tiefsitzend und selbstverständlich Frauenfeindlichkeit in der Gesellschaft verankert ist. Unser Vater zum Beispiel ist 86 Jahre alt, ein cooler Typ, und er liebt Detektivgeschichten – aber er liest grundsätzlich keine Bücher von Autorinnen. Nur, weil sie Frauen sind. Ich werde ihm jetzt mal was von P.D. James geben, dann merkt er es vielleicht nicht. (lacht)

 

 

Steffen Rüth: Ihr kommt aus dem tiefsten Ohio. Seid ihr eigentlich Hillbillies?

Kim Deal: Die Hillbillies leben eher im Süden von Ohio. Wir sind Bergmenschen.

Kelley Deal: Das ist doch dasselbe! Wir leben trotzdem sehr gern in Dayton. Unsere Bassistin Jo lebt in Brooklyn, aber als wir das Album in Dayton aufgenommen haben, hat Kim sie bei sich einquartiert. Das hat ihr richtig gut gefallen.

Steffen Rüth: Euer bekanntestes Album „Last Splash“ erschien vor 25 Jahren. War die Herausforderung bei „All Nerve“, ein besseres zu machen?

Kim Deal: Die Herausforderung war, etwas zu machen, das nicht scheiße ist. Natürlich war uns klar, dass die Leute diesen Vergleich anstellen würden. Deshalb haben wir uns richtig reingehängt und eine Platte gemacht, die zugänglich ist und Spaß macht, ohne banal zu sein.

Steffen Rüth: Kurt Cobains Selbstmord warf euch 1994 aus der Bahn, ihr hattet mit Drogen- und Alkoholsüchten zu kämpfen. Bereut ihr die Vergangenheit?

Kim Deal: Nein. Früher gab es Schnaps und Kokain, heute Suppe und Kuchen. Es hätte viel schlimmer kommen können.

The Breeders „All Nerve“

LIVE 3. 7. Hamburg, 4. 7. Köln

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