Contemporary Music

Welshly Arms: Vorm Debüt schon legendary

Profi-Baseballer wollte Sam Getz dann doch nicht werden. Doch mit seiner Band Welshly Arms und dem Vorab-Überhit „Legendary“ hat der Clevelander plötzlich wieder Chancen auf eine eine Stadion-Karriere.

In Cleveland, einer wie das nahe Detroit vom industriellen Strukturwandel gebeutelten, aber sich vergleichsweise wacker schlagenden 400 000-Einwohner-Stadt am Ufer des Eriesees, hat man als Sportfreund die große Auswahl. Es gibt die Cleveland Cavaliers, ein vorzügliches Basketballteam, das als Mega-Attraktion den Weltstar LeBron James in seinen Reihen hat. Zum zweiten reüssieren die Cleveland Indians, die örtliche Baseballmannschaft, ebenfalls ein nationales Top-Team. Und schließlich gibt es noch die Cleveland Browns. Die spielen American Football und sind laut Sam Getz, Sänger der Band Welshly Arms, eines der bizarrsten Profiteams aller Zeiten. „Die Browns haben noch nie etwas gewonnen haben. Sie spielen notorisch schlecht, aber wir lieben sie trotzdem, gehen tapfer zu den Spielen und tragen die Trikots.“

Der in Cleveland geborene und aufgewachsene Getz ist Anfang 30, war selbst lange Zeit in den Jugendteams der Indians aktiv, entschied sich als Teenager aber für die Musik und damit gegen eine theoretisch mögliche Karriere als Profi-Baseballer. Doch die Sportbegeisterung reicht bis in die kleinsten Verästelungen seines Wesens, insofern ist es auch überhaupt keine Überraschung, dass sich viele der Lieder auf dem Debütalbum „No Place is Home“ wie ultimative Wettkampfhymnen anhören. Allen voran natürlich die Single „Legendary“, die schon im vergangenen Sommer veröffentlicht und in Deutschland mit einer Goldenen Schallplatte ausgezeichnet wurde. Wie soll man es bei diesem Song auch schaffen, nicht von seinem Sitz aufzuspringen? „Die Hymnen haben wir im Blut“, sagt Getz, „die Leute mitzureißen und zu animieren, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit zu verstärken – das ist zu hundert Prozent unser Ding.“

 

„Deutschland ist für uns fast ein zweites Heimatland geworden.“ Sam Getz

 

Logischerweise sind die sechs Bandmitglieder – neben Sam Getz sind das Brett Lindemann (Keyboards), Jimmy Weaver (Bass), Mikey Gould (Schlagzeug) sowie das Ehepaar Bri und John Bryant (Gesang) – quasi Stammgäste in den örtlichen Stadien. „Die Musik, die wir da gehört haben, war für uns extrem prägend: „Seven Nation Army“ von den White Stripes oder „We will rock you“ und „We are the Champions“ von Queen.“ Die National Football League baute „Legendary“ in einem Werbetrailer ein, sie haben Auftritte in Baseballarenen absolviert, und auch in Deutschland waren sie bei der großen Völkerballmeisterschaft von ProSieben zu Gast. „Eine Karriere in der Musik lässt sich meiner Ansicht nach gut mit der Karriere als Sportler vergleichen. Du musst hart rackern, jahrelang reisen und Sachen machen, bei denen die meisten sagen würden ‚Nein, danke, ich gehe lieber ins Büro‘“. Hat sich gelohnt: „Das Lied hat viele Türen für uns geöffnet und uns zum Beispiel einen Plattenvertrag in Deutschland eingebracht. Deutschland ist für uns fast ein zweites Heimatland geworden.“

Die gemeinsame Geschichte der Bandmitglieder von Welshly Arms reicht weit zurück, teilweise bis in die Kindheit. Als er sechs war, bekam Getz von seinem musikbegeisterten Vater eine Gitarre, und schon mit 14 durfte er in Clevelands Clubs als Anheizer für die alten Bluesmänner Peter Green, Mick Taylor und John Mayall spielen. „Seit ich klein bin, liebe ich Blues und Rock“, sagt er. Die Wege mit den anderen Bandmitgliedern kreuzten sich in diversen High-School-Bands und jeden Sonntag beim Gospelchor in der Kirche. Lindemann, Weaver und Getz spielten zudem jahrelang in der Rockband Cactus 12, man verlor sich auch mal aus den Augen, aber 2011, beim Grillen, beschlossen sie, alle Kraft in die gemeinsame Rockzukunft zu legen, und gründeten Welshly Arms. „Neue Rockbands aus den Vereinigten Staaten sind eine seltene Spezies geworden, viel ist seit Nirvana, den White Stripes oder den Black Keys nicht mehr passiert. Trotzdem: Wir lassen uns nicht unterkriegen, nach der Dürre kommt irgendwann der Regen, und ohne Soul und Rock’n’Roll, also ohne Musik, die du fühlen, schmecken und riechen kannst, ist das Leben nicht annähernd so schön.“ Dass die „Rock and Roll Hall of Fame“ ihren Sitz in Cleveland hat, ist zwar nur ein Zufall, aber ein passender.

Trump und die politischen Spannungen: „Wir werden unserer Schutzräume beraubt.“ Sam Getz

 

Aufgenommen hat die Band ihr erstes Album in einem alten Haus aus dem 19. Jahrhundert, das als Hauptquartier für Welshly Arms unverzichtbar sei. „Jeder von uns hat quasi sein eigenes Musikzimmer in diesem historischen Gebäude, und wir halten uns extrem gerne dort auf. Ein Tonstudio können wir zwar nicht einrichten, weil es keinen Schallschutz gibt, aber wir können so laut proben, wie wir wollen, da das Haus am Waldrand liegt und keine Nachbarn in Hörweite sind.“ Hier haben sie Songs geschrieben, die in Blues, Soul und Rock verwurzelt sind. Ab und zu schleicht sich mal etwas Melancholie ein, etwa in „Unspoken“, Sams Liebesballade an seine Gattin („Wir verstehen uns so gut, dass wir sogar wortlos streiten können“), überwiegend jedoch reißt die Platte mit. So auch in „Sanctuary“, dem tief in Gospel-Chöre getauchten, neuen Hit, aus dessen Songtext auch jene Zeile stammt, die dem Album „No Place is Home“ den Namen gegeben hat. „Spannungen und politische Querelen sind insbesondere in den USA seit Trump an der Tagesordnung“, kommentiert Getz den Song. „Wir werden unserer Schutzräume beraubt, und bis auf weiteres müssen wir die Geborgenheit wohl in der Zweisamkeit finden.“

Oder eben im Stadion. „Während der Fußball-WM touren wir durch die USA, aber in Gedanken sind wir bei euch.“ Auch Fußball ist eine Sportart, für die sich Sam und seine Kollegen erwärmen können. „Wir haben auf Tour immer ein ganzes Arsenal von verschiedenen Bällen dabei. Meine Frau trainiert Kindermannschaften. Und mit überschaubarem Resultat hat sie auch versucht, mir ein paar Tricks beizubringen.“

Welshly Arms „No Place is Home“ ist bei Vertigo Berlin/Universal Music erschienen.

 

LIVE 2. 11. Frankfurt, 4. 11. München, 9. 11. Berlin, 12. 11. Köln

Tickets gibt es u. a. bei Eventim 

FESTIVALS 17.–19. 8. Dockville, Hamburg, 20. 8. Zeltfestival Ruhr, Bochum

 

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