Contemporary Music

„Berlin hat mich gerettet“

Eigentlich ist es Rapper Chefket leid, sich mit Rassismus zu beschäftigen. Auf seiner neuen Platte verarbeitet er ihn dennoch.

Siegfried Bendix: Chefket, im Track „Aufstehen“ fragst du, wie man das, was man liebt, mit dem Geldverdienen vereinbaren kann. Hast du das nicht längst herausgefunden?

Chefket: Ja, und ich bin froh, dass ich diesen Weg gegangen bin. Ich hätte fast auf der Straße gelebt für meinen Traum. 20 Cent für eine Zigarette im Späti und 50 Cent für eine Stunde surfen im Internetcafé haben mich gerettet – Berlin hat mich gerettet. Weil ich gefunden habe, was ich liebe, fühlt sich das alles nicht mehr wie Arbeit an.

Siegfried Bendix: Auf der anderen Seite singst du später, dass du hier für immer fremd bleibst – und das, obwohl du in Deutschland geboren wurdest. Dann hat es dich sicher nicht überrascht, was unter dem Hashtag #metwo gerade an Alltagsrassismus zutage gefördert wird …

Chefket: Nein, absolut nicht. Ich bin ein Deutscher mit türkischen Eltern. Mein Vater musste mit einer Klage beim Oberschulamt drohen, damit ich aufs Gymnasium komme. Wenn ich im ICE in der ersten Klasse sitze, werde ich oft darauf hingewiesen, dass die zweite Klasse woanders sei.

Siegfried Bendix: Du beschreibst auch einen Teufelskreis: Man wird in das Gefühl des Fremdseins hinein gezwungen, bis man gar nicht mehr dazugehören möchte. Wie gehst du damit um?

Chefket: Ich habe gemerkt, dass es mein Wachstum bremst, wenn ich zu viel über Rassismus nachdenke. Ich möchte mir über andere Dinge Gedanken machen, denn niemand will auf seine Herkunft reduziert werden. Daher vertiefe ich mich in die Musik, denn dort kann ich frei sein. Und diese Freiheit überträgt sich auf die Realität, wenn ich Songs veröffentliche und auf der Bühne stehe.

Siegfried Bendix: Auf der Bühne stehst du meist nicht allein, sondern mit Musikerinnen und Musikern, die dich auf analogen Instrumenten unterstützen – im HipHop eine Seltenheit. Willst du damit diejenigen eines Besseren belehren, die immer noch behaupten, Rap sei keine richtige Musik?

Chefket: Nein, ich möchte niemanden belehren oder bekehren. Ich hatte bereits mit 17 meine eigene Band und weiß, wie viel Spaß es macht, ein Liveset zu spielen. Endlich kann ich mir das leisten und muss nicht mehr nur mit dem Laptop und einem Mikrofon vor 10 000 Leuten stehen.

Tour

24. 9. Dresden

25. 9. Leipzig

27. 9. Stuttgart

29. 9. Regensburg

1. 10. München

3. 10. Köln

4. 10. Frankfurt

5. 10. Berlin

6. 10. Münster

7. 10. Hamburg

Chefket • Album

Künstler: Chefket
Titel: Alles Liebe (Nach dem Ende des Kampfes)
Label: Vertigo Berlin
VÖ: 21.09.2018

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